Göttinger Zentrum für Altersmedizin: Kampf gegen leere Kassen

Bereiten Senioren auf ihren Alltag vor: (von links) die Mediziner Roland Nau und Michael Karaus und die Leiterin der Physio- und Ergotherapie Ruth Tönsmann. Mit einem Straßenbahnsimulator sollen Patienten das Stehen in öffentlichen Verkehrsmitteln üben. Foto: Voß

Göttingen. Die Bedürfnisse älterer Menschen werden am Evangelischen Krankenhaus Weende groß geschrieben. Seit 15 Jahren befindet sich dort das einzige Zentrum für Altersmedizin (Geriatrie) in Südniedersachsen.

Es bietet sowohl eine akute wie auch voll- und teilstationäre Rehabilitationsgeriatrie an. Trotz ihrer Monopolstellung kämpfen die Ärzte um die Finanzierung ihrer Rehabilitationstherapien.

In Weende aufgenommen werden Senioren, die nach einer Behandlung im Krankenhaus den Umgang mit Alltagssituationen neu erlernen müssen. „Als damals die Idee des Geriatrischen Zentrums aufkam, wollte uns niemand haben“, erinnert sich der medizinische Geschäftsführer Prof. Dr. Michael Karaus. „Aber die Gesellschaft wird immer älter und mittlerweile ist Geriatrie überall ein Thema.“

Gesellschaft wird älter

Gestartet mit 70 Betten können Karaus und sein Team mittlerweile 95 Patienten aufnehmen. „Und auch das reicht eigentlich nicht, wir sind immer sehr gut belegt“, fügt Chefarzt Prof. Dr. Roland Nau hinzu. Durchschnittlich 16 bis 20 Tage verbringen die meist über 80-jährigen Patienten in der dreistufigen Einrichtung. Umsorgt von rund 35 Physio- und Ergotherapeuten trainieren die Senioren in individuell abgestimmten Therapien sicher zu gehen, zu stehen und zu sitzen. Dabei stehen mitunter Besuche im 36 Grad Celsius warmen Wasser des Bewegungsbades oder Rollator-Runden im Therapiegarten auf dem Programm. „Unser Ziel ist, die Patienten bestmöglich auf ihren Alltag vorzubereiten und so ihre Lebensqualität zu vergrößern“, erklärt Geschäftsführer Karaus.

Hohe Rehakosten

Jedoch ist diese Art der Betreuung besonders kostenintensiv. „Die Hälfte unsrerer Patienten kommt mit kognitiven Störungen, also Anzeichen von Demenz, zu uns. Daher ist vielfach eine Eins-zu-Eins-Betreuung notwendig.“ Auch würden Patienten aus Kostengründen zu früh und zu krank aus Krankenhäusern entlassen und die Geriatrie müsse medizinisch mehr leisten als geplant.

Verstärkt werde das finanzielle Problem dadurch, das Kostenträger wie die Ersatzkassen bei Rehamaßnahmen oft nur Fallpauschalen erstatten würden und nicht die tatsächlich erbrachte und nach steigenden Tariflöhnen abgerechnete Personalkosten. „Die Schere zwischen tatsächlich angefallenem Grundlohn und abrechenbaren Fallpauschalen klafft immer mehr auseinander“, macht Prof. Dr. Karaus deutlich.

Dass es jedoch auch anders geht, zeige sich am Beispiel der AOK, die die gesamten Kosten erstatten würde. „Aber soll ich künftig zwischen AOK-Patienten und anderen gesetzlich Versicherten bei der Leistungserbringung entscheiden?“, fragt er, „Dann haben wir ja bald eine Drei-Klassen-Medizin.“

Tag der offenen Tür gibt Éinblicke in Behandlungsabläufe

Geriatrische Medizin richtet sich an Senioren, die durch Erkrankungen in ihrem Alltag beeinträchtigt sind, beispielsweise nach Knochenbrüchen oder Operationen. Ziel der Therapien ist, dass die Senioren langfristig ihren Alltag wieder alleine ohne möglichst wenige Einschränkungen bestreiten können.

Einblicke in die Behandlungsabläufe geben die Mediziner und Therapeuten am Sonntag, 9. Oktober, beim Tag der offenen Tür im Geriatrischen Zentrum Weende, An der Lutter 24.

Zwischen 11 und 15 Uhr wollen sie Besucher in Vorträgen und bei Rundgängen durch die Therapieeinrichtungen über die Arbeit des Zentrums informieren. Besichtigt werden können unter anderem das Bewegungsbad, der Therapiegarten, die Tagesklinik sowie die Pflegstationen. Außerdem haben Besucher die Möglichkeit, mittels eines Alterssimulators den Alltag aus Sicht eines Senioren zu erleben oder den Blutdruck und Blutzucker messen lassen. Für musikalische Unterhaltung sorgen ab 11.30 Uhr die Swinging Amatörs mit Chefarzt Roland Nau. (clv)

www.ekweende.de

Von Claudia Voss

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