Spezielles Verfahren

Historische Grabmäler auf Göttinger Friedhof hängen am Tropf

Sanierung von Grabmälern: Konservierungswissenschaftler Dr. Wanja Wedekind (links) und Stadtbaurat Thomas Dienberg stellten das Projekt am Freitag vor. Foto: Schlegel

Göttingen. Mit einem speziellen Verfahren werden historische Grabsteine auf dem Göttinger Bartholomäus-Friedhof an der Weender Landstraße vor dem Zerfall gerettet.

Konservierungswissenschaftler Dr. Wanja Wedekind, der das Projekt mit Stadtbaurat Thomas Dienberg vorstellte, hat ein schonendes Verfahren entwickelt, um die Schadstoffe, die für die Verwitterung verantwortlich sind, aus dem Stein zu holen.

Die Rück- und Vorderseite wird mit einer Quarz- und Zellulose-Mischung bestrichen. An der Rückseite werden dann kleine Schläuche angebracht, die aus einem Tropf mit destilliertem Wasser versorgt werden. Das „saubere“ Wasser wandert durch den Stein und nimmt die Nitrat- und Sulfatverbindungen (Salze) mit, die dann auf der anderen Seite aufgefangen werden. So wird der Stein innerhalb von zwei bis drei Wochen sanft gereinigt.

Verwitterung durch Salze

Das Problem bei den Salzen: Sie verändern sich. Wenn es feucht ist, sind sie im Wasser gelöst. Bei Trockenheit kristallisieren die chemischen Verbindungen aus. Und diese Verwandlungen führen zur Verwitterung der Grabmäler. Wie viel Salz in den Grabsteinen steckt, wird zuvor mit speziellen Messungen ermittelt.

Bei den „Grabzeichen“ auf dem Bartholomäus-Friedhof wurde poröser Sandstein verwendet. Der war anfangs gestrichen worden, doch die Farben sind längst verwittert. Deshalb konnte im Lauf der Zeit Wasser eindringen. Nach erfolgreicher Behandlung werden die Grabmäler mit einer speziellen Mörtelmischung behandelt, die vor weiterer Verwitterung schützen soll.

Seit 2000 bemüht sich die Stadt Göttingen auf dem historischen Teil des Stadtfriedhofs, sowie auf dem Albanifriedhof und dem Bartholomäus-Friedhof am Zentral-Campus um den Erhalt von Grabmälern.

2004 bis 2005 wurden insgesamt 100 000 Euro in ein erstes Projekt gesteckt. Damals wurden zwei Mausoleen (Richter und Ayrer) sowie sieben erhaltenswerte Grabmale gerettet. Seit 2006 investiert die Stadt jährlich 5000 Euro in den Bartholomäus-Friedhof, um jedes Jahr zwei bis drei gefährdete Grabmäler vor dem Verfall zu bewahren. (bsc)

Hintergrund: der Bartholomäus-Friedhof

Die Errichtung des Bartholomäus-Friedhofs vor den Toren der Stadt Göttingen hängt direkt mit der Universität zusammen.

Nachdem in den ersten beiden Jahren des Bestehens der Universität in Göttingen 1736 zwei Dozenten gestorben waren, kamen in den Uni-Städten Halle, Jena und Wittenberg Gerüchte über schlechte Luft in Göttingen auf. Daher wandte sich die kurfürstliche Regierung in Hannover an den Rat der Stadt Göttingen wegen der „Ausrichtung eines Gottesackers außerhalb der Stadttore“, weil „solches Vorhaben zur Erhaltung einer desto reineren und gesünderen Luft in der Stadt diene“. Die Regierung fürchtete, das bei Epidemien die „vorfallenden häufigen Leichen denen anwesenden Studiosi einen Abscheu und zum Nachteil der Universität ein schlimmes Gerücht verursachen dürften.“ 1736 begannen die Arbeiten an der Landstraße nach Weende auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenheims St. Bartholomäus.

Die Eröffnung des Friedhofs erfolgte 1747. Viele berühmte Göttinger wurden danach dort beerdigt - zum Beispiel der Physiker und Philosoph Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799.

1881, mit der Einweihung des zentralen Stadtfriedhofs an der Groner Chaussee, wurden der Bartholomäusfriedhof und auch der Albanifriedhof geschlossen.

Der Bartholomäus-Friedhof ist heute ein Garten- und Naturdenkmal. Er wird als Parkanlage von der Stadt Göttingen unterhalten.

Auf der Friedhofsfläche der Mariengemeinde ist im vergangenen Jahr ein Garten entstanden, an dem sich folgende Gruppen beteiligen:

• Kirchengemeinde St Marien mit ihrem Kindergarten und einer Gartengruppe.

Jugendliche und junge Erwachsene, die während einer beruflichen Rehabilitation in der Einrichtung Ifas betreut werden. Der Garten ist eine gute Möglichkeit, gärtnerische Aufgaben kennenzulernen.

• Familientreff für Kinder und Mütter von Roma Familien im Iduna-Zentrum der Jugendhilfe Göttingen.

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