Außergewöhnliches Projekt am Jungen Theater

„Navigator Luna-Nord“: Ein hoch emotionales Stück

Suche: In dem Stück „Navigator Luna Nord“ im Jungen Theater Göttingen ist Linda Elsner auf den Spuren ihrer Familie. Foto: nh

Göttingen. Ein außergewöhnliches Projekt brachte das Junge Theater zum Anfang der Spielzeit auf die Bühne: In „Navigator Luna-Nord“ begab sich die Schauspielerin Linda auf Spurensuche in der eigenen Familien-Vergangenheit.

Das von Elsner geschriebene Stück „Navigator Luna-Nord“ ist eine bewegende, emotionale Reise auf der Fährte ihres Großvaters zwischen Deutschland, Togo und der DDR. Das Stück ist in vielerlei Hinsicht ein gelungener Ermittlungsprozess. Schon am Titel erkennt man Linda Elsners Spurensuche nach ihrem Großvater Navigator Luna-Nord. Das ist nämlich der Name der Nebenfigur, die er in dem 1970 gedrehten DDR-Science-Fiction-Film „Signale – Ein Weltraumabenteuer“ unter der Regie von Gottfried Kolditz, spielte.

Mit diesem ersten Fragment aus dem Defa-Archiv beginnt Elsners Reise in die Familiengeschichte und in die Vergangenheit ihres Großvaters aus Togo. Den afrikanischen Vorfahren hat die junge Schauspielerin nie kennengelernt. Seine Geschichte wurde in der Familie verdrängt.

Dem Publikum präsentiert Elsner keine chronologische Zeitreise, sondern die fieberhafte Suche nach Erklärungen quer durch Zeitfragmente und Requisiten, an denen sie sich auf der Bühne mit entgegengesetzten Emotionen entlanghangelt. Eine Grundfrage dabei ist: Wie und warum reiste er von Togo in die DDR? In Monologen und fiktiven Gesprächen, durch unbeantwortete Fragen an ihren Großvater und imaginierte Antworten versucht die aufgewühlte Gestalt auf der Bühne Puzzlesteine aus einem Sandbett zusammenzusetzen. Aber ihr Großvater lebt nicht mehr. Ihn kann sie nicht mehr fragen. Alles, was bleibt, sind Überbleibsel mit denen sie klarzukommen versucht.

Den Wunsch nach emotionaler Nähe und Intimität vermittelt Linda Elsner, als sie auf der Bühne verkündet, dass ihre Familie überall verstreut sei. Über Raum und Zeit, über zwei Kontinente, über erinnerte Vergangenheit und Deutungsversuche.

Die Geschichte ihres Großvaters aber, ihre Fragen bleiben schließlich am Ende da, wo sie am Anfang der Reise waren, und zwar an der Schnittstelle zwischen Gegenwart und Vergangenheit und an der Grenze zwischen Togo, Deutschland und der DDR.

Vor rhythmischem musikalischem Hintergrund fiebert der Zuschauer mit. Benjamin Pogonatos Musikbegleitung ist ein wichtiger Bestandteil der emotionalen Deutungsversuche.

Mit Navigator Luna-Nord hat das Junge Theater ein außergewöhnliches Stück inszeniert, das die menschliche Sehnsucht nach der emotionalen Bindung zu den eigenen Wurzeln durch Zeit und Raum spürbar lebendig gemacht hat.

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