Bundesgesundheitsministerium fordert eine schonungslose Aufklärung

Göttinger Transplantations-Skandal: Strafrechtliche Verfolgung ist schwierig

Göttingen. Ob die Manipulationen bei der Organvergabe für den ehemaligen Leiter der Transplantationschirurgie der Göttinger Uni-Medizin strafrechtliche Folgen nach sich ziehen werden, lässt sich noch nicht absehen.

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Ein Göttinger Universitätsarzt soll im großen Stil Krankendaten gefälscht haben, damit die eigenen Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt werden. Verstöße gegen die Richtlinien des Transplantationsgesetzes werden aber in der Regel nicht strafrechtlich geahndet – es sei denn, dass mit Organen gehandelt wurde oder ein anderer Patient, der durch die Manipulationen benachteiligt wurde, infolge eines ausgebliebenen Spenderorgans verstorben ist. Dieser Nachweis dürfte allerdings schwer zu führen sein.

Die niedersächsische Ärztekammer wird aber auch berufsrechtliche Konsequenzen gegen den Mediziner prüfen. Der unter Verdacht stehende Oberarzt war bereits bei seiner früheren Tätigkeit am Uni-Klinikum Regensburg auffällig geworden. 2006 soll er dort eine Spenderleber außer Landes geschafft haben. Dabei soll er die Stiftung Eurotransplant darüber im Unklaren gelassen haben, dass sich der Empfänger nicht bei ihm auf der Station befand, sondern in Jordanien.

Der Fall zog damals keine Konsequenzen nach sich. Stattdessen wurde er im Herbst 2008 Leiter der Transplantations-Chirurgie in Göttingen. Dort wusste man offenbar nichts von den Unregelmäßigkeiten.

Uni-Klinik: "Warteliste nun wasserdicht"

Aus dem Skandal um Bestechung und Betrug bei Leberverpflanzungen an der Göttinger Universitätsmedizin müssen nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Konsequenzen gezogen werden. Ein Sprecher des Ministers sagt, es sei nicht nur gesetzeswidrig, "sondern höchst respektlos und ethisch in höchstem Maße verwerflich, wenn Organe nicht nach medizinischer Dringlichkeit transplantiert" würden. Minister Bahr befürchtet, dass durch solche Vorfälle die Bereitschaft zur Organspende erschüttert werde. Erst vor wenigen Wochen hatte der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern soll.

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Hintergrund

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Unterdessen habe die Göttinger Universitätsmedizin bereits jetzt weitreichende Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen, sagt der Wirtschaftsvorstand der Klinik, Sebastian Freytag. Die Transplantationsabteilung sei ganz neu strukturiert worden. "Wir haben das so ausgerichtet, dass eine Wiederholung undenkbar ist", sagte Freytag. "Die Warteliste ist jetzt wasserdicht."

Zudem ist eine externe Gutachterkommission einberufen worden, die den Ablauf der Vorgänge prüfen und Empfehlungen für Konsequenzen geben soll.

Verdacht: In 25 Fällen falsche Angaben gemacht

Die Vorwürfe könnten sich zum größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin ausweiten. Es besteht der Verdacht, dass der damalige Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik und frühere Leiter der Transplantationschirurgie in mindestens 25 Fällen falsche Angaben gemacht hat, damit seine eigenen Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt werden.

Einem Krankenhaussprecher zufolge bestritt der ehemalige Oberarzt gegenüber der Klinikleitung alle Vorwürfe. Der 45 Jahre alte Mediziner, der bereits im November suspendiert wurde, war bereits vor Wochen ins Zwielicht geraten.

Der Mediziner soll beispielsweise Geld von einem russischen Patienten dafür angenommen haben, dass diesem in Göttingen bevorzugt eine Spenderleber implantiert wurde. Spenderorgane werden aber nach einem streng festgelegten Kriterienkatalog von der Vermittlungsstelle Eurotransplant im holländischen Leiden an die Patienten in ihren acht Mitgliedsländern vergeben.

Dabei geht es nach Dringlichkeit. Der Göttinger Arzt soll den Gesundheitszustand seiner Patienten bewusst schlechter dargestellt haben, damit sie von Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Er habe zum Beispiel vorgegaukelt, dass ein Mann, der auf eine Spenderleber wartete, auch Nierenprobleme habe und Dialyse-Patient sei, erläuterte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation. Deren Ermittlungen haben ergeben, dass Protokolle gefälscht oder frei erfunden wurden und Laborwerte manipuliert wurden.

Ermittlung wegen Verdachts der Bestechlichkeit

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen den 45-Jährigen nun unter anderem wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Und die Bundesärztekammer hat eine Task Force eingerichtet, um die Affäre aufzuklären, sagte der Strafrechtler der Universität Halle.

Bereits im Juni war bekannt geworden, dass ein ausländischer Patient 2011 gegen Geld bei einer Lebertransplantation bevorzugt worden sein soll. Die "Auffälligkeiten" seien zunächst von der Bundesärztekammer festgestellt worden, sagt Martin Siess vom Vorstand der Universitätsmedizin. Die Kammer habe in Göttingen die Warteliste von Patienten sowie die Liste der 2010 und 2011 erfolgten Transplantationen überprüft. Ende Juni sei die Universitätsmedizin über die Erkenntnisse der Ärztekammer informiert worden.

Fotos: Transplantations-Skandal am Uniklinikum Göttingen

Transplantations-Skandal am Uniklinikum Göttingen

Möglicherweise waren weitere Krankenhaus-Mitarbeiter in den Fall verwickelt. Es sei unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war, durch die Patienten Lebern bekommen haben, obwohl sie nicht an der Spitze der Warteliste standen, sagte das Vorstandsmitglied der Uniklinik, Martin Siess. Dazu seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen.

Nach Ansicht von Wirtschaftsvorstand der Klinik, Sebastian Freytag, geht es bei der Aufarbeitung aber nicht nur um mögliche aktive Mittäter. "Es geht auch darum, wer trug Mitverantwortung, wer hätte genauer hingucken müssen."

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, war gegen den 45-jährigen Verdächtigen Arzt bereits in der Vergangenheit ermittelt worden, weil er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber mit nach Jordanien nahm, um sie dort einzusetzen. Der Arzt hatte bis 2008 in Regensburg gearbeitet, bevor er nach Göttingen wechselte. (pit/dpa/dapd)

Hintergrund: So werden Organe vermittelt

Nach dem geltenden Transplantationsgesetz (TPG) sind Organe nach Regeln zu vermitteln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen. Dabei kommt es vor allem auf Erfolgsaussicht und Dringlichkeit der Organverpflanzung an. Die Richtlinien legt die Bundesärztekammer fest. Jede Vermittlungsentscheidung ist unter Angabe der Gründe zu dokumentieren.

Das TPG sieht vor, dass eine bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungskommission die Vermittlungsentscheidungen in regelmäßigen Abständen überprüft. Eine weitere Kommission überwacht die Einhaltung der Bestimmungen. Mit der TPG-Novelle, die der Bundesrat am 15. Juni billigte, werden die Transplantationszentren und die Entnahmekrankenhäuser gesetzlich verpflichtet, der Prüfungskommission die erforderlichen Unterlagen zur Verfügung zu stellen und erforderliche Auskünfte zu erteilen. Die Prüfungskommission ihrerseits muss Erkenntnisse über Verstöße gegen das TPG dann an die zuständigen Behörden der Länder weiterleiten. (dpa)

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