Kreishandwerker: trotz Fachkräftemangel goldene Zukunft für die Zunft

Kämpfen für die Zukunft des Handwerks: Kreishandwerksmeister Christian Frölich (links) und Kreishandwerkschaft-Geschäftsführer Andreas Gliem vor einem eindrucksvollen Werbeplakat in Göttingen. Foto: Kopietz

Göttingen. Aus Anlass des Tag des Handwerks haben wir mit Kreishandwerksmeister Christian Frölich und Kreishandwerkerschaft-Geschäftsführer Andreas Gliem über die Probleme und die Zukunft des handwerks in Südniedersachsen und darüberhinaus gesprochen.

Wie steht es um den Nachwuchs im südniedersächsischen Handwerk? 

Christian Frölich: Es gibt Probleme, Auszubildende und junge Fachkräfte zu finden. Schuld hat daran auch die Politik. Sie hat seit vielen Jahren versucht, ihr Heil im Abitur und in der akademischen Ausbildung zu finden. Aber: Auch wir als Handwerk haben es über Jahre hinweg verschlafen, klarzumachen, dass eine Ausbildung vergleichbar mit einem Studium ist – bei Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. Was nutzt ein absolviertes Studium, wenn ich danach im Taxi vorn links sitze?

Andreas Gliem: Ja – es ist ein Fehler der Politik und ein Fehlverhalten bei uns gewesen, nicht selbstbewusst und energisch gegenzusteuern.

Hat sich im Denken und Tun der Politiker etwas geändert? 

Gliem: Ja. Es tut sich etwas – auch im Sprachgebrauch. Wenn Politiker heute bei unseren Veranstaltungen sind, halten sie das System der dualen Ausbildung wieder hoch. Verbal sind wir das Rückgrat der Wirtschaft – was auch stimmt. Im Handeln spiegelt sich diese Erkenntnis leider nicht unbedingt wider – siehe Harmonisierungsbestrebungen mit – schlechteren – Bedingungen in anderen EU-Ländern.

Also geht es um das Image? 

Andreas Gliem: Genau. Es ist auch eine Imagefrage. Das Handwerk ist bedauerlicherweise nicht so angesehen wie andere Wirtschaftsbereiche. Nicht umsonst drängen so viele Menschen ins Studium – die wenigsten ins Handwerk.

Wie äußert sich das? 

Gliem: Ich nenne nur eine Zahl, die alles sagt: Im Fleischerhandwerk bekommen wir in diesem Schuljahr aus drei Landkreisen drei Auszubildende zusammen. Dennoch wollen die meisten Leute verständlicherweise ein gutes Stück frisches Fleisch, wenn möglich aus regionaler Erzeugung genießen und nicht Abgepacktes aus dem Großschlachthof im Supermarkt kaufen. Klar ist: Es wird zukünftig weniger individuelle Fleischerfachgeschäfte geben, gerade auf dem flachen Land.

Der Problemfall ist also das Lebensmittelhandwerk? 

Gliem: Ja, unter anderem. Natürlich auch in den meisten Bau- und Ausbauberufen. Deswegen werben wir massiv für die Ausbildung dort, verteilen auch Flyer an den relevanten Schulen – auch für die Fachpraktikerausbildung im Lebensmittelhandwerk. So weit sind wir: Wir suchen mittlerweile auch Leute ohne Schulabschluss, weil wir dringend Personal benötigen. Positiv gesagt: Das Lebensmittelhandwerk kümmert sich auch um die, die kaum eine berufliche Perspektive haben würden – schon gar nicht in großen Industrieunternehmen.

Was tun sie gegen den Fachkräftemangel? 

Frölich: Da müssen wir uns in den Betrieben auch an die eigene Nase fassen. Ich glaube schon, dass im unmittelbaren Umfeld eines kleinen Betriebes, sprich im Bekanntenkreis, in Vereinen, im Ort generell, junge Leute zu rekrutieren sind. Der Handwerker muss sich aber als Betrieb attraktiv machen. Er muss zeigen, was seinen Beruf ausmacht, wie man sich weiterentwickeln kann, welche guten Einkommensmöglichkeiten es gibt.

Steht das Handwerk mit den Problemen alleine? 

Gliem: Nein, auch in Banken werden heute nicht nur Abiturienten genommen. Auch dort wird es vermutlich dazu kommen, dass Hauptschüler Ausbildungsplätze erhalten.

Können Flüchtlinge eine Chance für die Betriebe sein? 

Gliem: Ganz klar, ja. Aber nur als ein Mosaiksteinchen im Bemühen, den Fachkräftemangel zu mindern. Am Anfang, als die Flüchtlinge strömten, kam Euphorie auf, auch bei den Handwerkerorganisationen. Die hat sich gelegt. Alles braucht seine Zeit, und zunächst muss zwingend die Sprache da sein. Denn: Ziel ist, eine Ausbildung auch erfolgreich abschließen zu können.

Wie sehen sie das Handwerk in 15 Jahren? 

Gliem: Mit goldenem Boden. Das sage ich voller Überzeugung. Es wird zwar eine Marktbereinigung geben, einige Betriebe werden wegen Nachfolger- und Fachkräftemangel verschwinden. Die, die bleiben, werden glänzende Bedingungen haben. Das müssen wir in die Köpfe der jungen Leute reinkriegen: Leute, ihr habt beste Chancen!

Zur Person

Andreas Gliem, (56), geboren in Kassel. Nach dem Abitur folgten Jura-Studium in Göttingen und Referendariat in Kassel. Abschluss: Rechtsanwalt. Seit April 1997 Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen; Gliem lebt in Göttingen ist verheiratet und hat zwei Kinder. Besonderes: Judo- Olympiakadermitglied 1984 in Los Angeles; treibt gern Sport.

Christian Frölich, (48), geboren in Göttingen, seit 2014 Kreishandwerksmeister. Nach dem Abi machte er eine Maurerlehre, studierte an der TU Braunschweig: Abschluss: Diplom-Wirtschaftsingenieur. Frölich lebt in Rosdorf, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Hobbies: Wandern, Sport, Politik, Familie.

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