Berliner Historiker schreibt über SED-Parteichef

Literaturherbst: Biografie über Honeckers verborgene Seiten

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Besuch im Grenzlandmuseum: Historiker Martin Sabrow (links) und Ben Whistek, Pädagogischer Leiter des Museums, besuchten vor der Lesung die Dauerausstellung.

Göttingen. Mit einer neuen Biografie beleuchtet Prof. Dr. Martin Sabrow das Leben des SED-Parteichefs Erich Honecker vor seiner steilen Karriere in der DDR.

Ein Lockenkopf mit verträumten Augen - dieses Bild zeigt Erich Honecker als Studierenden der Parteihochschule in Moskau 1930 und ziert die neue Biografie des einst mächtigsten Mannes der DDR. Es ist ein ungewohntes Konterfei, erinnert man sich an das offizielle Porträt, das bis zum Wendeherbst 1989 in allen Amtsstuben und wohl auch in den meisten Klassenzimmer in der DDR hing: der Staatschef mit Hornbrille, kühl und unnahbar.

Handballer und Schmuggler 

Der Berliner Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow hat das Leben Honeckers in der Zeit von 1912 bis 1945 in den Focus genommen. Deshalb lautet der Untertitel zu dem Werk, seit September im Handel, auch „Das Leben davor“. Es kennt einen Honecker, der Handball spielt, mit Freundinnen unterwegs war und kommunistische Propaganda aus Prag in das nationalsozialistische Deutschland schmuggelte.

Abenteuerliches Leben 

Am Sonntagabend wurde es im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes im Grenzlandmuseum Teistungen präsentiert, davor in Los Angeles. Diese Woche ist die Frankfurter Buchmesse dran. „Bis 1945 war Honecker ein Mann, der nicht interessant war“, sagte der Autor zum Einstieg. Gleichwohl führte er zeitweise ein abenteuerliches Leben. Geprägt wurde er von einem sozialistischen und antifaschistischem Milieu im Saarland. Familie und Partei waren sein Fundament, nicht aber Schule und Kirche. Schon 1922 trat er als Zehnjähriger der kommunistischen Kindergruppe in seinem Heimatort Wiebelskirchen bei.

Dachdeckerlehre 

Wie konnte ein Mann mit einfacher Schulausbildung und Dachdeckerlehre zum Staatsmann avancieren? Auf diese Frage spitzte der pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums, Ben Thustek, die Diskussion zu, die das Buch ausgelöst hat. Dazu Sabrow: Honecker habe eine typische sozialistische Biografie und sei bei der Gründung des zweiten deutschen Staates der richtige Mann zum passenden Zeitpunkt gewesen. Einer aus der zweiten Linie habe nach vorn gedrängt.

Erinnerungen 

Der Leitsatz, dass der Mensch an seinen Aufgaben wächst, treffe auf Honecker nur bedingt zu. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit nahm ihn als verklemmt, unsicher und rhetorisch schwach wahr: Die freie Rede war nicht sein Ding. Doch, zu diesem Schluss kommt Sabrow, der DDR-Staatschef konnte auch locker sein. Bei seinem Besuch 1987 im Saarland taute er auf, schwelgte in Erinnerungen.

Tätigkeit im Widerstand 

Honecker verbrachte als Kommunist und seiner Tätigkeit im Widerstand unter den Nazis zehn Jahre hinter Gittern. Eine Zeit, die ihn für immer prägte und möglicherweise sein Misstrauen begründete.

Steile Karriere

Ein wichtiger Abschnitt habe bei seiner Entwicklung gefehlt. Die Haftzeit begleitete ihn wohl zeitlebens, auch gegenüber dem eigenen Volk. 1945 fand der junge Honecker Zugang zu Walter Ulbricht und schrieb seine erste Bewerbung für die Kaderakte. Von da an ging es stetig aufwärts: FDJ-Chef, Organisator des Mauerbaus, SED-Chef, Staatsmann, der mit Franz-Josef Strauß, Berthold Beitz und Herbert Wehner verkehrte.

Honecker starb in Chile 

Sabrow: „Ein ideologieferner Pragmatiker.“ Und, so der Autor, „Totengräber einer Menschheitsidee“. Vor 27. Jahren, am 18. Oktober 1989, trat Honecker unter dem Druck der SED-Führung zurück. Er starb 1994 in Chile.

Neuerscheinung: Martin Sabrow, „Erich Honecker: Das Leben davor“, Verlag C.H.Beck, 623 Seiten, ISBN 978-3-406-69809-5, 27,95 Euro.

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