Neue Tankstelle in Güntersen: Frische Milch zum Selbstzapfen

Mehr Geld für die Milch: Jörg Krüger aus Bovenden (rechts) ist bereit, für die Milch von Jens Timmermann (links) tiefer in die Tasche zu greifen. Denn sie schmecke nicht nur besser, so unterstütze er auch die Region. F oto: Voß

Güntersen. Milch 14 Stunden täglich zum Selbstzapfen - das gibt es ab sofort an der ersten Milchtankstelle der Region in Güntersen bei Adelebsen.

Die Idee dazu hatte Landwirt Jens Timmermann. In zweiwöchiger Eigenleistung hat er die etwa 18 000 Euro teure Zapfanlage samt Holzhaus auf seinen Grundstück an der Hauptstraße 35 errichtet. Zum Preis von einen Euro pro Liter können Verbraucher gekühlte Rohmilch unabhängig von Tageszeit und Wochentag selbst abfüllen. Im Supermarkt wird die Milch aktuell für 42 bis 46 Cent pro Liter verkauft. Ein Preis, der nach Timmermann ein wirtschaftliches Produzieren nicht zulässt: „Viele Betriebe haben momentan zu kämpfen, Abhilfe kann nur ein angemessener Milchpreis schaffen.“

An der Milch-Tankstelle können mitgebrachte Gefäße bis zu einem Liter Inhalt befüllt werden. Es gibt aber auch Glasflaschen, die für 80 Cent (0,5 Liter) oder einen Euro (ein Liter) vor Ort gekauft werden können. Geöffnet ist die Milchtankstelle täglich zwischen 8 und 22 Uhr. Daneben lädt der studierte Landwirt seine Kunden ein, die 100-köpfige Kuhherde samt Kälbchen näher kennenzulernen.

Auf lange Sicht soll der Automat dem 33-Jährigen und seiner Familie ein zusätzliches Einkommen sichern. Gerade vor dem Hintergrund, dass Landwirte momentan nur 20 Cent für einen Liter Milch erhalten, sei er dringender denn je auf ein zweites finanzielles Standbein angewiesen, betont Timmermann. „Momentan lege ich jeden Tag 200 Euro drauf, um das Melken meiner 100 Kühe zu bezahlen.“

3000 Liter Milch produzieren die Tiere täglich. Bis zu 150 Liter will Timmermann täglich im Wege der Direktvermarktung künftig als Rohmilch über seinen Abfüllautomaten zu vertreiben. Damit sich die Anschaffung rentiert, müsse er täglich rund zehn Liter Rohmilch verkaufen, ist der Landwirt überzeugt.

Sinkende Preise: Milchbauern am Abgrund

Direktlieferservices oder Zusatzangbote mit erntefrischem Gemüse, hausgemachter Marmelade vor dem Kuhstall und die jetzt eröffnete Milchtankstelle in Güntersen: Südniedersachsens Landwirte ergreifen angesichts der gesunkenen Milchpreise viele Initiativen im Kampf ums Überleben.

Diese Beobachtung macht auch Achim Hübner, Geschäftsführer des Göttinger Landvolk-Kreisverbandes. „Die Milchpreise sind eine maximale Katatstrophe“, betont er etwa mit Blick auf die landwirtschaftlichen Entwicklungen im Landkreis Göttingen. „Als ich 1999 hier angefangen habe, gab es 1320 Höfe, heute sind es gerade einmal 700.“ Schuld daran sei der zunehmende Preisverfall von Agrarerzeugnissen.

Besonders hart treffe es jedoch die Milchviehwirtschaft. Um bei einem Ertrag von 20 Cent pro Liter Milch existieren zu können, brauche ein Familienbetrieb 150 Tiere, schätzt Hübner. „Momentan gibt es noch 130 melkende Betriebe im Landkreis, wenn die Preise so bleiben, sind es nächstes Jahr wahrscheinlich 100 weniger.“

Diesen Prognosen kann sich auch Ernst-August Timmermann, der die Milchtankstelle eingerichtet hat, nur anschließen. Seit vielen Jahren ist er auf dem familieneigenen Betrieb in Güntersen tätig.

Struktureller Wandel

Strukturellen Wandel auf den Höfen im Landkreis habe es immer gegeben, gibt er zu, „aber nicht in diesem Ausmaß.“ Während Höfe und Anwesen in früheren Jahren aus Altersgründen verkauft wurden, sind es heute finanzielle Aspekte, die Landwirte aufgeben lassen. „Viele versuchen momentan einfach nur noch irgendwie die Durststrecke zu überstehen. Wenn sie dann doch alles verkaufen, haben sie oft ihr ganzes Familienvermögen verloren.“ Ändere sich an der Situation der Landwirte nichts, breche langfristig das Mittelfeld weg.

Hinzu komme, dass gerade unter jungen Menschen der Beruf des Landwirts nicht attraktiv sei, gibt Hübner außerdem zu Bedenken. Abschreckend wären besonders die langen Arbeitszeiten und das hohe finanzielle Risiko von Landwirten.

Gerade unter diesen Aspekten gebe es einige, die den elterlichen Milchviehbestand lieber verkauften, als fortzuführen. „Für eine Kuh zahlt der Schlachter um die 300 Euro. Das ist für viele kurzfristig verlockender, als das ungewisse Risiko eines Milchviehbetriebs auf sich zu nehmen.“

Von Claudia Voss

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