Premiere von "Herr Lehmann" in Göttingen: Zeitloses Treibgut der Geschichte

Anbandeln: Köchin Katrin (stehend) mag Frank, obwohl sie ihn anfangs anstichelt (Johanna Mohrmann und Jonathan Blümcke). Foto: Eriksen

Göttingen. Eine gelungene Premiere feierte das Göttinger Theater im OP mit „Herr Lehmann“ in der Bühnenfassung von Johanna Mohrmann und Lena Aust, die auch Regie führten, assistiert von Julia „Jusch“ Ruge.

Die Zeitbezüge – der zugrunde liegende Roman von Sven Regener spielt im Herbst 1989 in Kreuzberg im noch eingemauerten Berlin – lassen Zuschauer älteren Semesters aus der Rückschau fast ungläubig schmunzeln. Dabei ist Frank, der seinen Spitznamen „Herr Lehmann“ verabscheut, als Typ zeitlos. Er hat sich bewusst aus der Leistungsgesellschaft abgemeldet, hat für ein kleines Einkommen in einem Job ohne soziale Anerkennung gesorgt und säuft sich durch die Freizeit seines kleinen, bequemen Lebens. „Erfrischend simpel“ nennt ihn sein Freund Karl Schmidt.

Frank Lehmanns Bekanntenkreis trifft sich und trennt sich, mal in dieser, mal in jener Kneipe, mal im Freibad. Jeder ist nur mit sich beschäftigt. Herzzerreißend und gleichzeitig zum Brüllen komisch sind die Szenen, wo die Stammtischrunden zielsicher aneinander vorbeiquasseln und vorbeilamentieren.

Frank Lehmann ist bei aller Lethargie nicht unsympathisch, und man möchte schon wissen, wie es ihm ergehen mag. Er kümmert sich rührend, aber erfolglos um seinen Freund Karl, als dieser aufgrund von Suff und Drogen den Verstand verliert. Auch Frank Lehmanns andere Beziehungen scheitern, zu seinen Eltern in Bremen, zur Freundin Katrin.

Einsamkeit

Als die Mauer gefallen ist, trennt sich Frank Lehmann vom Bekanntenkreis und geht alleine von der Bühne ab. Wohin? Das wird sich zeigen, meint er. Den Zuschauer beschleicht die ungute Ahnung, dass Frank Lehmanns tiefe Einsamkeit kein Ende nehmen wird.

Die Schauspieler überzeugten alle samt, als Typen, in Sprechweise, Mimik, Gestik und Kleidung. Es gab trotz des überwiegend düsteren Themas viel Wortwitz und Situationskomik. Die Hauptrollen verkörperten glänzend Jonathan Blümcke als Frank Lehmann, Sascha Vennemann als Karl Schmidt, Johanna Mohrmann als Katrin und Anja Kütemeyer als Kneipenbesitzerin Helga Kächele.

Weitere Darsteller

Die weiteren Darsteller waren Mareike Bernhard, Beatriz Beyer, Kerstin Börst, Christian Feuerhake, David Höhle, Niels Jensen, Cornelis Kater, Jewa Kogan, Thomas Rühling, Jens Tödter und Tobias Trutz. Matti Fellmann war bei der Premiere erkrankt. Seinen Part übernahm zusätzlich Thomas Sicking, der die Leder-Uschi spielte. Das Bühnenbild, das viel Raum für Fantasie ließ, war gemeinsam geschaffen worden. Witzig war die Verlegung des Schlafzimmers in den hinteren Zuschauerbereich. Die Umbauten erfolgten zügig.

Das Premierenpublikum in den voll besetzten Rängen im wie ein Amphitheater aufgebauten früheren Operationssaal spendete begeistert lang anhaltenden Beifall, und das gesamte Ensemble wurde mehrmals auf die Bühne geklatscht.

Es gibt zwölf weitere Aufführungstermine im Mai. ThOP. Im Internet auf der Seite des Theaters gibt es Hinweise zum Kauf und zur Reservierung von Karten.

www.thop.uni-goettingen.de

Von Anne-Lise Eriksen

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