Ramadan im Grenzdurchgangslager Friedland

Göttingen. Während vor drei Jahren noch hauptsächlich Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion nach Friedland kamen, ist die Belegschaft im Grenzdurchgangslager jetzt viel internationaler geworden.
Ein Besuch im Lager zeigt, was sich noch verändert hat – nicht nur die Beschilderung.
„Bitte zeigen Sie bei jeder Mahlzeit ihre Essenkarte vor“, steht in fünf Sprachen über der Essensausgabe im Speisesaal zu lesen. Die Schilder mit den Schriftzeichen – auch in arabisch, farsi und kyrillisch – dokumentieren den Wandel, der sich im Lager vollzogen hat. Seit 2011 nimmt das „Tor zur Freiheit“ auch Asylbewerber auf. Viele von ihnen kommen aus islamischen Ländern, was auch den Alltag und den Speiseplan im Lager prägt. „Bei uns steht kein Schweinefleisch mehr auf dem Speiseplan“, sagt Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer.
In den vergangenen zwei Wochen waren dort auch knapp 100 irakische Flüchtlinge untergebracht, die Deutschland im Rahmen des Resettlement-Programms aufnimmt. Sie wurden am Dienstag mit Bussen abgeholt und zu ihren Wohnorten gebracht. Sieben von ihnen bleiben in Niedersachsen, die anderen werden nach einem festgelegten Zahlen-Schlüssel verteilt.
Damit die muslimischen Asylbewerber und Flüchtlinge den Ramadan begehen können, gibt es eine Sonderregelung: Weil Muslime während des Fastenmonats tagsüber nichts essen dürfen, können sie statt des Mittagessens ein Paket mit Gemüse, Tomaten, Linsen, Bohnen, Reis und mehr bekommen, die sie dann abends zum Fastenbrechen in ihrer Unterkunft zubereiten können. „Außerdem stellen wir ihnen abends einen Raum zum Beten zur Verfügung“, sagt Hörnschemeyer.
Wo viele Menschen auf engem Raum leben, kann es auch zu Aggressionen kommen. „Die meisten Bewohner sind ruhig, friedlich und umgänglich“, betont der Lagerleiter. Wenn es mal Probleme gebe, dann meist mit jungen Männern, die allein nach Deutschland gekommen sind. So war es auch am Wochenende, als ein 22-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan in betrunkenem Zustand ausrastete und eine Schlägerei auslöste. Der Anlass des Streits sei unklar, sagt Hörnschemeyer. Eine Version lautet, dass sich der 22-Jährige über einen Mann aus Pakistan aufgeregt habe, weil dieser einer afghanischen Frau beim Koffertragen behilflich gewesen sei.
Vor zwei Monaten waren 20 Asylbewerber aus Georgien und Pakistan mit Fäusten und Besenstielen aufeinander losgegangen. Den Grund habe man nicht klären können, sage Hörnschemeyer. Die Verwaltung versuche durch organisatorische Maßnahmen, das Konfliktpotential so gering wie möglich zu halten. So werden allein stehende junge Männer in anderen Unterkünften untergebracht als Familien mit Kindern.
Von Heidi Niemann
Hintergrund:
In Friedland leben 440 Asylbewerber aus neun Ländern. Die größten Gruppen kommen aus Afghanistan, der russischen Föderation (hauptsächlich Tschetschenien) und Pakistan. Andere Herkunftsländer sind Vietnam, die Türkei, der Irak, Georgien und der Libanon. Außer für Asylbewerber ist Friedland weiter die erste Adresse für neu ankommende Spätaussiedler aus Osteuropa. Derzeit sind 30 im Lager untergebracht, im ersten Halbjahr waren es etwa 800, so viele wie im Vorjahr. (pid)