Streitbarer Professor feiert heute seinen 70. Geburtstag

Professor Gerd Lüdemann: Er wurde wegen seiner kritischen Sicht auf Religion und Kirche mit einem Sonderstatus in ein neues Fach versetzt. Archivfoto: dpa

Streitbarer Professor feiert 70. Geburtstag

Gerd Lüdemann eckte mit seinen Ansichten bei der Kirche und in wissenschaftlichen Kreisen an

Von Reimar Paul

Göttingen. Gerd Lüdemann ist Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche und sieht sich dennoch schon lange nicht mehr als Christ. Am heutigen Dienstag wird der streitbare und umstrittene Göttinger Professor 70 Jahre alt.

In den 1990er Jahren sagte er sich in Büchern und Interviews vom christlichen Glauben los und wurde daraufhin wegen seiner kritischen Sicht auf Religion und Kirche mit einem Sonderstatus in ein neues Fach versetzt. Auch bei Fachkollegen stieß der Wissenschaftler mit seinen provozierenden Äußerungen auf Widerspruch.

1998 veröffentlichte Lüdemann, der an der Göttinger Fakultät für Evangelische Theologie den Lehrstuhl für Neues Testament vertrat, das Buch „Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat“. Darin versuchte er nachzuweisen, dass nur ein kleiner Teil der Jesus zugeschriebenen Worte von ihm selbst stammte.

Schon das Urchristentum habe begonnen, Jesu Worte „zu verfälschen und zu übermalen“. Die Kirche habe sich „Jesus so zurechtgelegt, wie er ihren Wünschen und Interessen entsprach“ und wie er ihr im Kampf gegen Abweichler und Andersgläubige am nützlichsten zu sein schien, argumentierte der Professor.

„Du hast das zukünftige Reich Gottes verkündigt, gekommen aber ist die Kirche“, schrieb Lüdemann. „Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden. Deine Lehre war ein Irrtum, denn das messianische Reich ist ausgeblieben.“

Wegen seiner öffentlichen Abkehr vom christlichen Glauben gliederte die Universität Lüdemanns Lehrstuhl im Einvernehmen mit der evangelischen Kirche aus der Fakultät aus und wandelte ihn in einen Lehrstuhl für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ um. Dieses Fach ist nicht konfessionsgebunden und für die Ausbildung der Nachwuchstheologen nicht verbindlich.

Es folgte ein Rechtsstreit durch sämtliche Instanzen. Erst 2008 stand nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes fest: Die Umwandlung des Lehrstuhls war rechtens. Das Selbstbestimmungsrecht der Religionen sei höher zu bewerten als die Wissenschaftsfreiheit des Beschwerdeführers, so die Richter. Das Amt des Hochschullehrers an einer theologischen Fakultät dürfe bekenntnisgebunden ausgestaltet werden.

Kontroverse Reaktionen

Mit seinen Ansichten eckte Lüdemann nicht nur in der Kirche an, auch in wissenschaftlichen Kreisen riefen sie äußerst kontroverse Reaktionen hervor. Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann etwa hält Lüdemanns Kritik für methodisch unlauter - er messe die Texte der Urchristen mit modernen Maßstäben, die es damals gar nicht gegeben habe. Lüdemanns Verleger Dietrich zu Klampen, bei dem der Wissenschaftler seit mehr als 20 Jahren publiziert, sagt hingegen: „Es gibt sonst niemanden, der so konsequent, kompromisslos und hingebungsvoll Aufklärung betreibt.“ (epd)

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