Verlag "Die Werkstatt": Göttinger Steilpass in die Tiefe

Es dreht sich alles um Bücher: Lektor Christoph Schottes (links) und Enno Brand vom Göttinger Verlag „Die Werkstatt“. Foto: Kopitz

Göttingen. Die EM läuft. Werden dann auch viele Fußball-Bücher gelesen? Nicht unbedingt, sagt Enno Brand vom Verlag „Die Werkstatt“, der übrigens der Tabellenprimus in der Liga der Fußball-Buch-Verlage ist und eine außergewöhnliche Wandlung hinter sich hat.

„Ja, man kann sagen, dass wir die Nummer eins im Fußball-Buch-Markt sind“, sagt Christoph Schottes, Lektor des Verlages. Aber die Konkurrenz schlafe nicht, wie der fußball-affine Öffentlichkeitsarbeiter Enno Brand sagt, aber gleich eine Stärke nennt: „Unsere Verbindungen sind gut, wir haben viele starke Autoren.“ Mehr als 200 sind es insgesamt. Und: Angebote kommen ständig. „Wir müssen nicht suchen.“ Einer, Dietrich Schulze-Marmeling, heute auch „Werkstatt“-Lektor, hat den Verlag 1992 in das Abenteuer Fußball geführt - mit seinem Buch „Der gezähmte Fußball“, das eine Sozialgeschichte vom Gentleman-Sport in England über den Sport der Arbeiterklasse bis hin zum heutigen Mega-Event kritisch beschreibt.

Seitdem spielt die „Werkstatt“, die vorher Bücher im politisch linken Themenspektrum verlegte, in der Liga der Fußball-Buch-Verleger - mit wachsendem Erfolg. Auch, weil sich die Leser aus der linken Szene veränderten, wie Brand erzählt. Viele von ihnen aber waren und blieben fußballinteressiert, kamen aus der linken Fan-Szene des FC St. Pauli oder waren Anhänger der Traditionsklubs.

Also folgten in den Neunzigern weitere kritische Bücher wie „Fußball und Rassismus“ und die noch heute erfolgreichen Vereinschroniken und -bücher. Schließlich profitierte der einst linke Verlag von den Mechanismen des Marktes und der Kommerzialisierung des Fußballs. „Dass der Fußball in der Breite der Gesellschaft ankam, war für uns gut“, sagt Brand. Die WM 2006 brachte im Vorfeld einen Boom bei Fußball-Büchern, der für den führenden Verlag aus Göttingen aber gar nicht die große wirtschaftliche Bedeutung hatte. „Es war zu heiß, damals hat keiner gelesen“, sagt Brand und schmunzelt.

Großereignisse schlagen sich in Verkaufszahlen nieder, vor allem die Weltmeisterschaften. Die EM sei wichtig, aber nicht alles, sagt Brand. Im Vorfeld hat die „Werkstatt“ einige Bücher herausgebracht, auch über die Großen wie Manuel Neuer und Cristiano Ronaldo. Die „Werkstatt“ kann dieses Segment nicht außen vor lassen: Denn am Starkult lässt sich verdienen.

Fußball ist in, dennoch erreichen manche Bücher nicht die Marke von 1000 verkauften Exemplaren. Aber auch diese besonderen Bände soll und wird es weiter in der „Werkstatt“ geben, wie das Werk über die Tattoos der Fans des TSV 1860 München. Mehr Käufer finden wird das EM-Buch aus der „Werkstatt“, das von einem Autorenteam um Detlef Vetten bestückt und nur wenige Tage nach dem Endspiel erscheinen soll: „Das muss schnell gehen“, sagt Lektor Schottes. „Die Konkurrenz bei EM-Büchern ist schnell und groß, da kommt es auf Tage an.“

Mit einem kleinen Buch spielt die Werkstatt aber schon in einer eigenen Klasse: „Vive la France“ liefert Basic-Infos zu Spielorten und Stadien - und dazu Rezepte aus den Regionen. Der Kauf während der WM lohnt sich auch, damit es nicht bei der EM-Bratwurst-Bier-Diät bleibt. Übrigens: Das zweite starke Bein des Verlages bilden außergewöhnliche Kochbücher. Kochen und Fußball, das geht zusammen - jedenfalls in der Werkstatt.

Hintergrund: 50 neue Bücher pro Kalenderjahr

Im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ erscheinen pro Jahr etwa 50 neue Sportbücher mit dem Schwerpunkt Fußball, aber auch Handball, Basketball, Boxen und Extremsport. Zu den namhaftesten Autoren der „Werkstatt“ gehören Ben Redelings, Jörg Heinrich, Ronny Blaschke, Dietrich Schulze-Marmeling, Jonathan Wilson und Detlef Vetten, von dem im Herbst die Biografie über den Behindertensport-Giganten Rainer Schönfelder erscheinen wird. 2016 kam ein Drittel der zwölf nominierten Bücher zum Fußballbuch des Jahres aus der „Werkstatt“.

Vor der EM erschien unter anderem auch das monumentale „Goldene Buch des deutschen Fußballs“ von Dietrich Schulze-Marmeling und dem Göttinger Hardy Grüne, außerdem der erweiterte Bestseller mit skurrilen Fußball-Sprüchen „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“. Und es gibt eine neue Reihe in Kooperation mit ausländischen Autoren und Verlagen: Die Reihe „Das große Fan-Buch“ stellt die Großen wie Ronaldo, Messi und Ibrahimovic kurz, knackig und bunt vor. „Bücher für junge Leser“, sagt Christoph Schottes. Dazu gibt es aktuell Biografien über Manuel Neuer und Thomas Müller. (tko)

www.werkstatt-verlag.de

Von Thomas Kopietz

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