Trauerbegleiterin Christine Stockstrom im Interview

"Trauer ist keine Krankheit"

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Christine Stockstrom

Der Bedarf an Trauerbegleitung nimmt zu, beobachtet der Bundesverband Trauerbegleitung. Zum Hospiztag am 14. Oktober haben wir mit der Vorsitzenden, Christine Stockstrom, über Trauer gesprochen. Und darüber, wie man damit umgehen kann.

Frau Stockstrom, warum ist es wichtig, dass es Trauerbegleiter gibt? 

Christine Stockstrom: Trauernde sind in einer sehr verletzlichen Situation. Und es gibt einfach Menschen, die Trauernde überfordern. Entweder, indem sie zu viel von ihnen erwarten, dass sie wieder funktionieren oder indem sie sie als krank einstufen. Trauer ist etwas Normales, das ist keine Krankheit. Außerdem ist bei Trauer bei manchen sehr viel Unsicherheit und Hilflosigkeit dabei. Ganz viele haben Angst, etwas falsch zu machen und die Folge ist das berühmte ‘Die Straßenseite wechseln, wenn ich jemandem begegne’.

Warum ist es wichtig, zu trauern? 

Wenn wir einen Verlust erleben, stellt sich nicht die Frage, ob wir das wollen oder nicht - wir tun es. Es ist eine Reaktion, die spontan einsetzt. Wenn wir aber nicht genügend Raum dafür kriegen, dann kann sie krank machen. Man weiß inzwischen von Zusammenhängen mit Herzerkrankungen oder auch Krebserkrankungen teilweise. Es gibt auffällig viele, die eine Trauererfahrung gemacht haben und danach eine Krankheit entwickeln. Trauer ist also viel mehr als Gefühle.

Erwachsene finden immer mehr den Mut, sich professionelle Unterstützung zu holen. Warum war das bisher nicht so? 

Ich glaube, das ist einfach auch ein Stück weit Scham. Dieses Gefühl 'Alle anderen schaffen es, nur ich nicht'. Psychische Auswirkungen finden in unserer Gesellschaft zunehmend mehr Akzeptanz, aber es ist immer noch eine Scheu da. Kinder sind da viel unbefangener.

Was braucht man als trauernder Mensch? 

Ich glaube, man braucht einfach dieses Respektieren dieses großen Leides, was einem widerfahren ist. Ich kenne ganz viele, die sagen nach sechs Wochen: „Jetzt muss auch mal gut sein. Jetzt reiß dich mal wieder zusammen.“ Es ist auch wichtig, es nicht zu bewerten, indem man sagt: „Jetzt trauerst du schon zu lange oder zu stark oder zu wenig.“ Jeder trauert auf seine Weise. Und ihn dazu zu ermutigen, diesen Weg zu gehen, das ist das Ziel.

Gibt es ein „Ablaufdatum“ für Trauer? 

Für mich nicht. Lange Zeit wurde gelehrt, dass nach einem Jahr die Trauer durch sein muss. Ein Jahr hat insofern die Bedeutung, weil ich alles das erste Mal alleine gemacht habe. Der Jahrestag, der Todestag, Weihnachten, Geburtstag, das erste Mal Urlaub, all diese Ersten Male. Das heißt aber nicht, dass die Trauer vorbei ist. Eltern, deren Kind gestorben ist zum Beispiel, haben ein Leben lang oft Sehnsucht nach diesem Kind. Es gibt Trauer, die ist irgendwann vorbei und es gibt Trauer, die ist wie eine Narbe, die immer wieder mal schmerzt.

Wo liegen die Grenzen in der Trauerbegleitung? 

Viele Menschen können beispielsweise überhaupt nicht mit Kindern umgehen, weil sie einfach so mitleidig sind in dem Moment. Dann sind sie aber als Begleitung nicht hilfreich. Es gibt auch viele, die können nicht mit Suizid umgehen. Solche Grenzen für sich zu erkennen ist wichtig.

Es kann auch sein, dass ich merke, dass ich gerade in einer belasteten Situation bin. Oder ich habe im Moment schlichtweg genug davon, irgendetwas von Tod, Sterben und Trauer zu hören. Dann ist es gut zu erkennen: Hier kann ich nicht weiterhelfen, hier müsste jemand anderes dran.

In manchen Fällen braucht jemand auch echt professionelle therapeutische Hilfe, jemand der vielleicht ein Trauma erlebt hat. Dann kann all mein mitfühlendes Mitgehen eher schädlich als nützlich sein.

Was ist Ihr Appell? 

Was ich mir wünsche ist, dass ganz viele Menschen den Mut haben, auf Trauernde zuzugehen. Auch wenn man nicht weiß, was man machen soll, und vielleicht stammelt. Aber einfach den Mut haben hinzugehen und nicht die Straßenseite zu wechseln. Den Mut haben, auch mal falsch zu reagieren. Das Schlimmste ist, sie zu ignorieren und sich nicht zu melden.

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