Beschwerden in Calden

Flüchtlinge kritisieren schlechte Ausstattung und Behandlung

Calden. Am Tag nach der Schlägerei mit Reizgaseinsatz und 14 Verletzten im Flüchtlingslager am alten Caldener Flugplatz hatte sich Montagvormittag die Lage weitgehend beruhigt.

Als die meisten Polizeiwagen das Gelände verlassen haben und nur noch eine Streife und ein Rettungswagen in Bereitschaft vor der Halle sind, stehen immer noch Flüchtlinge vor dem Gebäude und diskutieren untereinander und mit den angereisten Journalisten. Sie können nicht verstehen, warum das Lager vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wird.

Ein Flüchtling erzählt, dass es wiederholt Messerstechereien gab, die aber nicht an die Öffentlichkeit kamen. Es gebe meist Streit zwischen Albanern und Pakistani vor allem bei der Essensausgabe, wo es darum geht, wer zuerst Essen bekommt.

Ein Syrer zieht sein Smartphone und zeigt ein verwackeltes Video, das er am Tag zuvor beim Schlangestehen aufnahm. Die Unruhe ist zu sehen, aber nicht, was der Auslöser war. Ein Flüchtling habe sich in der Reihe vorgedrängelt, dann habe es Handgreiflichkeiten gegeben, es wurde sehr aggressiv geboxt, die Angegriffenen wehrten sich, es kam (wie berichtet) zum Tumult, der sich ausweitete und später wiederholte, bis die Polizei die rivalisierenden Gruppen von insgesamt 370 Personen aufteilte. Man müsse 30 bis 60 Minuten für das Essen anstehen, das sei stressig, verdeutlicht ein Flüchtling den Hintergrund. Auch in anderen Bereichen fühlen sich Flüchtlinge in Calden schlecht versorgt.

Ein Syrer spricht Englisch und übersetzt die Beschwerden einer ganzen Gruppe von Landsleuten, die alle ihre eigenen Probleme im Zeltlager haben. Es gebe nur zehn Duschen für 1500 Personen, und davon seien meist nur sechs nutzbar – und warmes Wasser gebe es nur wenig. Viele fürchteten krank zu werden, wenn sie kalt duschen. „Wir würden gern mehr für unser Aussehen tun, etwa Rasieren, aber das ist unter diesen Umständen kaum möglich“, berichtet ein Bewohner der Caldener Zeltstadt. Die medizinische Versorgung sei schleppend und die Aufnahme in das Computersystem sei lückenhaft, so dass viele immer wieder zwei weitere Wochen warten müssen auf die nächste Untersuchung, um irgendwann das Lager verlassen zu können, wird kritisiert. „Hier weiß keiner so richtig, was zu tun ist“, erzählt er. Mit Beschwerden sollten sie sich an Gießen wenden. „Deutschland ist so ein entwickeltes Land, aber hier läuft es schlecht. Manche möchten lieber ihre Pässe zurück und heimkehren als hierbleiben“, erzählt ein vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohener junger Mann.

Probleme bereitet offenbar auch die Zusammensetzung des Personals aus verschiedenen Nationalitäten. Das erleichtert zwar einerseits mitunter die Kommunikation, schafft aber auch Probleme, weil es beispielsweise keinen Übersetzer für die Syrer gibt. Dann helfen andere Sprachnachbarn aus, übersetzen aber nicht richtig oder helfen bewusst nicht, wie ein Syrer kritisiert. Sein Fazit: „Wer ruhig ist und sich benimmt, bekommt nichts. Aber wer aggressiv ist und Probleme macht, der hat Vorteile.“ Auch Jawed, ein 18 Jahre alter Afghane, der vor dem Caldener Edeka wartet, berichtet, dass es im Lager immer wieder Ärger und Schlägereien gibt. Für Jawed sind die Streitigkeiten nicht nachzuvollziehen. „Ich habe mein Land verlassen, weil dort Krieg herrscht. Hier möchte ich in Frieden leben - wir alle wollen doch Frieden und Freiheit, deshalb verstehe ich nicht, warum man sich prügelt“, sagt er.

Lesen Sie auch:

-Durch Einsatz in Flüchtlingslagern: Polizei kann nicht mehr alle Aufgaben erfüllen

-Massenschlägerei in Calden: 18-Jähriger schlug 80-Jährigen

-Großeinsatz in Zeltstadt Calden: Massenschlägerei mit 14 Verletzten

-HNA-Kommentar zum Einsatz in Calden: Schnell handeln

-Reizgas-Attacke im Flüchtlingslager: 60 Verletzte in Calden

Schlägerei in Flüchtlings-Zeltstadt Kassel-Calden - Großeinsatz der Polizei

Schlägerei in Flüchtlings-Zeltstadt Kassel-Calden - Großeinsatz der Polizei

Rubriklistenbild: © Thiele

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.