„Völlig neben der Spur“

Flüchtlings-Lager in Calden: Mitarbeiter kritisieren Vorgesetzte und Situation

Hier arbeiteten Tatverdächtiger und Opfer: das Erstaufnahmelager in Calden. Laut Mitarbeitern gab es vor der Bluttat bei Fürstenwald bereits auffälliges Verhalten des mutmaßlichen Schützen. Foto: Rp/nh

Calden. Gleich mehrere Mitarbeiter aus der Flüchtlingsunterkunft Calden wendeten sich in den vergangenen Tagen an die HNA. Sie kritisieren Vorgesetzte und die Situation im Lager.

Die Mitarbeiter haben Angst um ihre Jobs, wollen daher nicht öffentlich genannt werden. Doch was sie im Bezug auf den 25-jährigen Tatverdächtigen beschreiben, ähnelt sich stark: Er soll offensichtliche psychische Probleme gehabt haben.

Der 25-Jährige soll vergangenen Mittwoch einen 35-Jährigen mit zwei Schüssen in den Kopf getötet haben. Die Leiche des Opfers wurde wenig später in einem Auto entdeckt, das auf einem Feldweg bei Fürstenwald stand. Der 25-Jährige sitzt in Untersuchungshaft und hat die Tat gestanden. Die Hintergründe sind noch unklar.

Beide Männer arbeiteten beim Sicherheitsdienst der Flüchtlingsunterkunft. Der 25-Jährige sei auffällig gewesen und das sei der Schichtleitung des Sicherheitsdienstes mehrfach mitgeteilt worden, sagen Mitarbeiter.

Dass der mutmaßliche Täter psychische Probleme habe, sei vielen Mitarbeitern des Lagers aufgefallen – und zwar bereits im Oktober, seit dem der 25-Jährige dort gearbeitet habe. Mehrfach hätten Mitarbeiter den Schichtleiter und auch das Regierungspräsidium darum gebeten, den 25-Jährigen aus dem Verkehr zu ziehen.

Vor drei Wochen sei der Schichtleiter abermals auf den Zustand des Mannes hingewiesen worden. An diesem Tag habe der 25-Jährige auf der Straße vor dem Flüchtlingslager gestanden, sei völlig neben der Spur gewesen und habe erzählt, er werde verfolgt. Sein Zustand habe einigen Kollegen derart Sorgen bereitet, dass sie den Schichtleiter baten, den 25-Jährigen nach Hause zu schicken – was aber erst geschehen sei, nachdem Druck auf den Vorgesetzten ausgeübt worden sei.

Opfer mit ihm befreundet

Fundort der Leiche: An diesem Feldweg fand die Polizei das Auto mit der Leiche eines 35-Jährigen. Dabei handelt es sich nicht um das abgebildete Auto. Im Hintergrund ist das Flüchtlingslager zu sehen. Foto: Ziemann

Generell habe der 25-Jährige oft abwesend gewirkt und Situationen mit Flüchtlingen, die leicht hätten eskalieren können, erst bemerkt, nachdem Kollegen ihn darauf aufmerksam gemacht hätten. Auf Kritik habe der 25-Jährige emotionslos reagiert, „wie eine Maschine“. Weil er sich selbst als aggressiv empfunden habe, habe er versucht, sich Beruhigungspillen zu verschaffen. Sogar mit Mord an seinem späteren Opfer soll der 25-Jährige gedroht haben - was von seinen Kollegen als schlechter Scherz empfunden worden sei.

Denn das Opfer, ein Sicherheitsmann mit türkischen Wurzeln, kümmerte sich angeblich um den 25-Jährigen und war mit ihm auch befreundet.

Der junge Mann sei auch zum Islam konvertiert, berichten Mitarbeiter. Das habe ihn zumindest zeitweise psychisch stabilisiert und könnte auch ein Erklärung sein, wieso sich der Mann in der türkischen Szene in Kassel bewegte.

Tatort des Leichenfunds in Calden

Mitarbeiter zur Arbeit in Zeltstadt

Während sich Mitarbeiter des Flüchtlingslagers bei der Beschreibung des mutmaßlichen Täters relativ einig sind, gehen Schilderungen der Verhältnisse in Calden auseinander: Während einige von einer „stabilen Situation“ und guter Zusammenarbeit sprechen, berichten andere von Mobbing-ähnlichen Fällen und Drogenkonsum. Dazu gibt es bisher aber keine öffentlichen Beweise und sehr unterschiedliche Aussagen. Viele Mitarbeiter im Flüchtlingslager Calden hätten Angst um ihre Sicherheit, weil der Sicherheitsdienst mit der Situation dort überfordert sei. Oft wechselten die Sicherheitskräfte. Viele der neuen Mitarbeiter könnten nicht mal Deutsch und sich mit anderen Kollegen austauschen. Hinzu kämen belastende Arbeitszeiten: Teilweise müssten Mitarbeiter einige Wochen am Stück täglich bis zu zwölf Stunden arbeiten. Das sei hart, da die Arbeit im Flüchtlingslager allgemein schon belastend sei. Der Appell eines Mitarbeiters: „Bitte helfen Sie, dort normale Umstände für die Mitarbeiter zu schaffen und für die Bewohner.“

Das sagen RP und Security

„Wo viele Menschen sind, gibt es auch Drogendelikte – sowohl mit Alkohol als auch anderen Mitteln“, sagt Harald Merz, Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel. Das könne man schlecht verhindern. Er könne daher nicht ausschließen, dass es Vorfälle mit Drogen in der Caldener Unterkunft gegeben habe. Es gebe jedoch keinesfalls eine extreme Häufung. Dass es Mobbingfälle unter Mitarbeitern in Calden gegeben haben soll, sei nicht bekannt. Merz betont, dass sich Betroffene im Notfall an die Einrichtungsleiter wenden können.

Keine Stellungnahme

Pond Security hat vom Land Hessen den Auftrag, die Erstaufnahmeeinrichtungen zu bewachen. Das Unternehmen darf dazu laut Land Kooperationspartner einsetzen. In Calden ist der Sicherheitsdienst Spectra aktiv, der sich nicht äußern will. Die Firma Pond teilt auf Anfrage mit: „Die Pond Security Service GmbH gibt grundsätzlich keine Stellungnahmen zu laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen sowie zu Ereignissen, die nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit unseren Dienstausführungen stehen. Des Weiteren äußern wir uns prinzipiell nicht zu Umständen, die über Dritte formuliert werden und lediglich einen spekulativen Charakter haben.“

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