Außer Fracht nichts los

Fragen und Antworten zur wirtschaftlichen Entwicklung des Flughafens Kassel

Die einzigen Lichtblicke: Die Berliner Fluglinie Germania und der Logistik-Dienstleister DB Schenker (hinten), der die Amazon-Frachtflüge abwickelt. Sie sind die einzigen beständigen Kunden des Flughafens Kassel-Calden. Foto: Koch

Kassel. Die Negativschlagzeilen um den Flughafen Kassel-Calden reißen nicht ab: Im Winterhalbjahr gibt es keinen regelmäßigen Charter-Flugbetrieb. Nur einige Sonderflüge für Wintersportler sind vorgesehen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie sah der Flugplan im vergangenen Winter aus?

Dürftig. Die Saison startete zunächst mit wöchentlich drei Flügen, je einer nach Gran Canaria, Kreta und Antalya. Wegen mangelnder Nachfrage wurden die Flüge nach Griechenland und in die Türkei schon bald gestrichen. Übrig blieb der auf die Kanaren.

Welche Strecken werden in diesem Sommer bedient?

Mallorca wird drei Mal wöchentlich angeflogen, Antalya zwei und Kreta ein Mal.

Und was ist mit dem Sommerflugplan 2017?

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Den gibt es noch nicht. Deshalb ist noch nicht klar, welche Verbindungen angeboten werden können. Die Verhandlungen laufen. Flughafenchef Ralf Schustereder sagte, dass man einen früheren Saisonstart bereits zum 1. März 2017 anstrebe. Das soll die Flaute im Winter frühzeitig beenden. Eigentlich beginnt das Sommergeschäft erst im Mai.

Was sagt der Aufsichtsrat zum nicht existenten Winterflugplan?

Laut Schustereder hat der Aufsichtsrat die Entscheidung mitgetragen, kein hohes finanzielles Risiko einzugehen, um im Winter Flüge anbieten zu können. Die Anbieter wollten das aktuelle politische Risiko in Gebieten wie der Türkei auf die Flughäfen abwälzen. „Da macht Kassel Airport aus guten Gründen nicht mit“, erklärte der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der den Aufsichtsrat leitet.

Auch er will wegen der Forderungen der Fluggesellschaften keinen Beihilfestreit mit Brüssel provozieren. Der Aufsichtsrat tagt heute in Wiesbaden. Er dürfte sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Schustereder befassen.

Was genau wird dem Geschäftsführer vorgeworfen?

Schustereder steht im Mittelpunkt einer Affäre um die ägyptische Bohrfirma „Egyptian Drilling Company“. Es besteht der Verdacht der Untreue zum Nachteil der Flughafen GmbH und der Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz. Schustereder bestreitet die Vorwürfe.

Wie läuft das Frachtgeschäft für den Flughafen?

Das entwickelt sich überraschend gut. Schustereder erwartet bis zu 300 Flüge mit einem Umschlag von 1800 bis 2000 Tonnen in diesem Jahr. Zum Vergleich: 2015 waren es nur 168 Tonnen.

Wer wickelt die Flüge ab und wer ist Auftraggeber?

Logistik-Konzern DB Schenker organisiert die Luftfracht für den Online-Händler Amazon. Der lässt hochpreisige Produkte von einem Standort in Polen zunächst nach Großbritannien und dann weiter nach Calden fliegen. Dort werden die Jets entladen. Mit dem Lkw geht die Fracht direkt in die Postverteilzentren in Staufenberg und Gudensberg und von dort weiter an die Kunden. Die beiden Amazon-Niederlassungen in Bad Hersfeld werden umgangen.

Wie ist die Fluggastentwicklung?

Positiv, aber noch immer auf niedrigstem Niveau. Die Zahl stieg 2015 um 38 Prozent auf fast 65 000. Davon waren aber nur 48 500 Touristen. 10 000 Passagiere entfielen auf Geschäfts- und Privatmaschinen, 6500 waren Flüchtlinge ohne Bleibechance, die über Calden in ihre Heimatländer ausgeflogen wurden. In den vergangenen Wochen haben die Buchungszahlen deutlich angezogen, sagt Schustereder. Im Mai war die Germania-Route nach Palma zu 80 Prozent ausgelastet. Selbst die Antalya-Flüge sind trotz der angespannten politischen Lage in der Türkei zu 55 Prozent voll.

Mit Egypt Air soll es bereits einen unterschriftsreifen Vertrag für Winterflüge nach Hurghada gegeben haben. Warum ist er doch noch geplatzt?

Laut Schustereder hängt der Rückzug auch an den anhaltenden Negativ-Schlagzeilen zum Flughafen in den vergangenen Wochen. An welchen genau, wollte er in einem Pressegespräch nicht sagen.

Wie läuft die Konsolidierung der Flughafengesellschaft?

Recht gut. 2015 sank das Defizit von zuvor 8,1 auf sechs Millionen Euro. Damit wurde die Sparvorgabe aus dem Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung - zehn Prozent im Jahr - deutlich übererfüllt. Selbst wenn das Minus im laufenden Jahr - wegen des fehlenden Flugverkehrs im Winter und drohenden Rückforderungen wegen Vergabefehlern beim Flughafenbau - nicht weiter gedrückt wird, wären die Auflagen erfüllt. Die Grünen wollen aber im kommenden Jahr grundsätzlich über die Perspektiven des Airports reden und dessen Weiterbetrieb prüfen.

Wer trägt das Betriebkostendefizit?

Das wird entsprechend der Beteiligungsverhältnisse aufgeteilt: 68 Prozent trägt das Land Hessen, je 13 Prozent Stadt und Kreis Kassel sowie sechs Prozent die Gemeinde Calden.

Das sagt die Landespolitik

Grüne

„Wir haben immer befürchtet, dass es für das nordhessische Prestigeprojekt keine echte Nachfrage für einen regelmäßigen Linienbetrieb gibt“, erklärt die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Karin Müller aus Kassel. Leider stecke im neuen Flughafen viel Geld der Steuerzahler. „Deshalb muss es nun vor allem um Schadensbegrenzung gehen“, sagt Müller. Deshalb hätten die Grünen im Koalitionsvertrag mit der CDU vereinbart, dass die Zuschüsse aus dem Landeshaushalt zum Betrieb des Flughafens kontinuierlich sinken müssen. Außerdem sei festgelegt, dass das Betriebskonzept 2017 ergebnisoffen geprüft wird. „Dabei liegen ausdrücklich alle Optionen auf den Tisch, auch die Rückstufung zum Verkehrslandeplatz“, fasst Müller zusammen.

SPD

Die SPD kritisiert als größte Oppositionspartei, dass es bis heute keine Gesamtstrategie der Landesregierung für den Flughafen gebe. „Wir haben das Gefühl, dass CDU und Grüne beim Flughafen Kassel-Calden eher gegeneinander als miteinander arbeiten“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Marius Weiß. Das müsse im Interesse des Flughafens, der Beschäftigten und der Region endlich ein Ende haben: „Der Flughafen darf nicht Opfer eines Koalitionsstreits werden“, warnt Weiß.

Linke

Als „absehbaren wirtschaftlichem Misserfolg“ und „NonsensProjekt“ bewertet die Linken-Fraktionsvorsitzende Janine Wissler den Bau des Flughafens. Sie fordert die schwarz-grüne Landesregierung auf, „das weitere Verschleudern von Steuergeld einzustellen“. Die Fluggesellschaften brauchten Kassel-Calden nicht, der Bedarf an einer ausreichend großen Zahl von Flügen bestehe nicht, der Flughafen Paderborn sei um die Ecke: „Die sinnlose Subventionierung eines Flughafens im Winterschlaf muss nun endlich aufhören“, fordert Wissler.

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