"Oft reichen Kleinigkeiten als Auslöser"

Interview: Leiter der Erstaufnahme in Calden spricht über Prügeleien

Kassel/Calden. Erneut ist es in der Erstaufnahme-Einrichtung in Calden zu einer Schlägerei unter Flüchtlingen gekommen.

Auch in Lohfelden gab es kürzlich einen handgreiflichen Streit. Wir sprachen darüber mit Edgar Ziegler, einem der Leiter der Unterkunft in Calden.

Wieso kommt es immer wieder zu Schlägereien in Erstaufnahme-Einrichtungen?

Edgar Ziegler: Wo viele Menschen auf engem Raum zusammen sind, gibt es immer Konfliktpotential. Sie müssen außerdem bedenken, dass die Flüchtlinge untereinander oft nicht miteinander kommunizieren können. Es leben über 630 Menschen aus zehn verschiedenen Nationen in der Unterkunft in Calden. Wenn sich dann bei der Kleider- oder Essensausgabe jemand vordrängelt oder schubst, können die Betroffenen das nicht untereinander besprechen.

Und dann bedient man sich sofort der Sprache der Gewalt?

Ziegler: Offenbar eskalieren Konflikte unter den gegebenen Bedingungen schneller. Die Menschen sind angespannt und haben nicht viel zu tun. Manchmal führt es auch zu schlechter Stimmung, wenn Angehörige einer bestimmten Nationalität in den Transfer kommen - also in kommunale Unterkünfte umziehen dürfen. Dann fühlen sich andere Gruppe benachteiligt. Da reichen dann manchmal Kleinigkeiten als Auslöser für Streit.

Bei dem jüngsten Fall war auch Alkohol im Spiel.

Ziegler: Am Dienstag war Taschengeld ausgezahlt worden. Das hatten einige Bewohner offenbar zum Teil in Alkohol investiert. Wenn 40 junge, testosterongesteuerte Männer getrunken haben und man sich noch dazu nicht verständigen kann, ist es programmiert, dass es zu Handgreiflichkeiten kommt. Ohne den Vorfall beschönigen zu wollen: Sowas passiert ja auch bei jeder Kirmes und in Fußballstadien.

Ist Alkohol in den Unterkünften erlaubt?

Ziegler: Nein, genau aus diesem Grund haben wir ein Alkoholverbot. Wir kontrollieren am Eingang die Taschen, aber die Securitymitarbeiter dürfen keine Leibesvisitationen machen. In der Innentasche einer Jacke oder ganz unten in der Einkaufstasche kann es da schon gelingen, eine Flasche Schnaps reinzuschmuggeln.

Also versuchen Bewohner gezielt, das Verbot zu umgehen?

Edgar Ziegler

Ziegler: Ob sie bewusst ausnutzen, dass nicht alles kontrolliert wird, weiß ich nicht. Es ist leider so, dass jedes Verbot unterlaufen wird - nicht nur in Flüchtlingsunterkünften. Davon kann unsere Bußgeldstelle im RP ein Lied singen. Die Kollegen bearbeiten über eine Million Knöllchen und Anzeigen im Jahr.

Wird die Autorität der Security-Mitarbeiter respektiert?

Ziegler: Grundsätzlich schon. Aber es gibt natürlich Mitarbeiter, die können mehr und andere weniger zur Deeskalation beitragen. Wenn sich ein Streit anbahnt, greifen die Kollegen gleich ein. Meist gelingt es dann, das Ganze im Keim zu ersticken.

Spielen die Streits sich meist unter bestimmten Volksgruppen ab?

Ziegler: Nein, das ist ganz unterschiedlich. Zum Teil spielen sich die Streits auch unter verschiedenen Gruppen einer Nationalität ab.

Was tun Sie, um das Konfliktpotenzial zu verringern?

Ziegler: Bei der Essensausgabe habe wir schon dafür gesorgt, dass die Bewohner nicht alle gleichzeitig anstehen, sondern teilen feste Essenszeiten zu. Zudem haben wir neue Hallen bekommen, in denen wir mehr Freizeitangebote machen können. Wir hoffen, dass das zum Wohlfühlen beiträgt. Seit die Menschen in Containern und nicht mehr in Zelten untergebracht sind, hat sich schon viel gebessert.

Zur Person: Edgar Ziegler (57) vom Regierungspräsidium Kassel ist einer der beiden Objektleiter der Hessischen Erstaufnahme-Einrichtung in Calden. Er ist seit 1978 als Verwaltungsangestellter beim RP tätig, zuletzt war er im Controlling für den Haushalt zuständig. Von 1989 bis 2003 war er Leiter der Landesübergangseinrichtung für Spätaussiedler in Hess. Lichtenau. Ziegler lebt im Landkreis Kassel.

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