Volontärin Melinda Birmes verbrachte einen Tag in Tagespflege am Gesundbrunnen

Spaß statt Einsamkeit

Alt trifft Jung: Die „Kleinen Spatzen“ von der Kinderkrippe am Gesundbrunnen halten uns ganz schön auf Trab. Foto: Birmes

Hofgeismar. Bei dem Begriff Altenpflege denke ich zuerst an dunkle Gänge und püriertes Essen. Dementsprechend neugierig bin ich, als ich in der Rolle einer 80-jährigen Frau das Gebäude der Tagespflege am Gesundbrunnen in Hofgeismar betrete.

Zunächst fühle ich mich am Frühstückstisch zwischen den fremden Menschen etwas verloren. Das ändert sich schnell, als ich mit meiner Tischnachbarin Thea Diederich ins Gespräch komme, die mir von ihrer morgendlichen Anreise erzählt: „Wir sind mit dem Bus der Einrichtung über so viele Dörfer gefahren, da sieht man was von der Umgebung“, sagt sie sichtlich vergnügt. Plötzlich geht die Tür auf und Heike Bender kommt herein. Nachdem die Pflegefachkraft zur Auflockerung einen kleinen Witz erzählt und ich mit den anderen lache, fühle ich mich schon in die Gemeinschaft aufgenommen. Bald verrät sie uns, was heute geplant ist: „Wir bekommen Besuch von den Krippenkindern vom Gesundbrunnen“, kündigt sie an. Sachte führt sie mich in den Stuhlkreis, man ist ja nicht mehr so flott auf den Beinen. Schon kommen die Kinder in den Raum gestürmt: Manche lassen sich auf den Schoß nehmen, andere spielen mit den Bällen, die die Senioren munter durch den Raum werfen.

Heike Bender animiert unsere kleine Gruppe dazu, Lieder wie „Kommt ein Vogel geflogen“ zu singen. Ich kann mich kaum an den Text erinnern, aber es macht Spaß. Die 83-jährige Margit Schellhase, die noch einige Minuten zuvor sehr müde gewirkt hat, ist wie ausgewechselt: „Das erinnert mich an alte Zeiten“, erzählt sie mir, während sie einen Ball quer durch den Raum wirft. Fünf Kinder habe sie großgezogen, darum mache ihr der Besuch viel Spaß. Nach einer kurzen Pause ist nun Gymnastik geplant. Wir sollen das ganze Bein heben und drehen, das ist anstrengender, als es sich anhört. „Frau Birmes, haben Sie etwa Knieprobleme?“, fragt mich Heike Bender.

Tatsächlich absolvieren die anderen im Gegensatz zu mir die Übung scheinbar mühelos. Das nächste Lied, das sie anstimmt, steigert zumindest die Motivation. Nach einer gegenseitigen Schultermassage zieht schon der Geruch von Mittagsessen durch den Raum. Es gibt Blumenkohlsuppe, Zucchiniauflauf und Schweinegulasch mit Maccaroni. Wer will, kann sich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegen, oder in einem der Wellnessräume Musik hören.

Als ich mich verabschieden will, fällt mir ein alter Waschzuber ins Auge. „Wir schreiben Erinnerungsarbeit groß“, verrät mir die Pflegefachkraft. Viele der Teilnehmer würden unter Demenz leiden. Das überrascht mich, die Senioren machten alle einen aufgeweckten Eindruck. Ich verlasse die Tagespflege mit dem guten Gefühl, dass Altenbetreuung inzwischen viel mehr ist, als Füttern und Medikamente verabreichen. TEXTE RECHTS

Von Melinda Birmes

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