Abends sitzt die Familie, Krums Eltern und seine drei jüngeren Schwestern, in ihrem Haus am Schäferhof in Philippinenhof bei Kaninchenbraten zusammen, ehe sie jäh der stillen Gemütlichkeit entrissen werden.
Fliegeralarm. Sirenen heulen auf. Die Krums hasten die Treppen hinab ins tiefer gelegene, zur Notunterkunft gerüstete Waschhaus, als in der Ferne die gewaltigen Einschläge erster Luftminen und Sprengbomben wummern. Eine halbe Stunde, 400 000 Stabbrandbomben später, ist aus der eintausend Jahre alten Stadt ein einziges Flammenmeer geworden. Fachwerkhäuser, die über Jahrhunderte das Bild Kassels prägten, stürzen krachend zusammen.
Der neunjährige Paul drückt sein Gesicht in die Kissen auf dem hölzernen Doppelstockbett im Waschhaus. Warten. Bangen. Später wird er über den Hegelsberg hinweg auf die in Flammen stehende Stadt blicken. „Diese Erinnerungen bleiben ewig“, sagt Krum heute.
Mehr als 10 000 Menschen verlieren an diesem Abend ihr Leben. Philippinenhof, wo die Krums seinerzeit lebten, bleibt vom Angriff verschont. Krum: „Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wären wir in der Kasernenstraße geblieben.“ Bis 1940 lebte die Familie in einem Haus des nun gänzlich zerstörten Straßenzugs nahe der Martinskirche.
Doch trotz des Glücks der eigenen Unversehrtheit überwiegt in der Folge des Angriffs für mehrere Tage beklemmende Ungewissheit. Krums geliebte Oma, die er noch tags zuvor in deren Haus an der Schlagd besucht hatte, ist nach dem Angriff unauffindbar. Erst Tage später kommt die erlösende Nachricht: „Wie durch ein Wunder hat sie überlebt“, so Krum rückblickend.
Drei Wochen zuvor haben auch die Krums mit den Schrecken des Krieges Bekanntschaft gemacht. Bei einem Luftangriff auf die Henschelwerke sind große Teile Philippinenhofs zerstört worden. Krum: „Da hab ich das erste Mal mitgekriegt, was Krieg ist.“ Feuer, schreiende Menschen und panisch in den Gassen umherirrende Schweine und Hühner, beschreibt er.
Die zerstörte Kasseler Innenstadt hat Paul Krum erst nach Kriegsende wieder gesehen. Sein Vater habe es ihm stets verboten, dorthin zu gehen. „Ein Trümmerhaufen, überall tote Menschen“, wiederholt er die mahnenden väterlichen Worte.
Das Dröhnen der Flugzeuge, das Donnern der Bomben, die tagelangen Flammen - „ich denke jedes Jahr daran“, sagt Paul Krum. Heute feiert er seinen 71. Geburtstag.
Von Alexander Röder
AUS DEM HNA ARCHIV VOM 22.10.2005





