Verbotenes Foto aus dem Mantel

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    • 04.10.10
    • Bombennacht
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Nach dem Bombenangriff am 3. Oktober 1943 dokumentierte Wilhelm Schaper die Schäden am Haus

Verbotenes Foto aus dem Mantel

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Kassel. Am 3. Oktober 1943 verursachte ein Bombenangriff schwere Schäden in Kassel. Private Fotos davon waren damals verboten. Sie wurden aber trotzdem gemacht. Lesen Sie die Geschichte eines bislang unveröffentlichten Motivs.

Verbotene Privataufnahme: Die Schapers hatten eine Wohnung im Dachgeschoss. Das Haus am Fasanenhof wurde schwer beschädigt. Foto:  privat/nh

Dieses Foto dürfte es eigentlich gar nicht geben. Wilhelm Schaper hat es am 4. Oktober 1943 gemacht, einen Tag nach dem Großangriff der Briten auf Kassel. Auch das Haus, in dem die Familie Schaper am Fasanenhof wohnte, bekam einen Treffer ab. Eine Luftmine detonierte in der Nähe und riss die Vorderfront weg. Alle Bewohner überlebten im Keller des Hauses.

Ralf Schaper

Der Werkzeugmacher Wilhelm Schaper war in dieser Nacht als Luftschutzwache bei Fieseler abkommandiert. Am nächsten Morgen sah er sich die Schäden an und war erst einmal erleichtert, dass Frau und Kind nichts passiert war. Dann zog er sich einen weiten Mantel über. Darunter versteckt: eine Fotokamera der Marke Rollei. „Der Apparat funktioniert immer noch“, sagt der 65-jährige Sohn Ralf Schaper. Die Fotos, die der im Jahr 2000 gestorbene Vater damals aufnahm, hat er all die Jahre aufbewahrt.

Vor der Zerstörung: Luftbilder vom alten Kassel

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Bei den Aufnahmen - sie zeigen alle das zerstörte Haus aus unterschiedlichen Perspektiven - handelt es sich um Raritäten. Es war für Privatleute streng verboten, die Kriegsschäden zu fotografieren. Wilhelm Schaper ging damals ein großes Risiko ein, als er aus dem geöffneten Mantel heraus die Trümmer ablichtete. „In dem Haus wohnte ein ganz übler Nazi, der sicher nicht gezögert hätte, meinen Vater anzuzeigen“, sagt Ralf Schaper.

Dieser Nachbar hat aber den übrigen Hausbewohnern wahrscheinlich das Leben gerettet. Der Mann arbeitete bei Henschel und hatte als Einfahrer von fabrikneuen Panzern gute Kontakte. 14 Tage vor dem Angriff bekam er eine Lkw-Ladung mit Kanthölzern. Damit wurde der Luftschutzkeller des Hauses sehr stabil abgestützt. „Meine Mutter Else und mein damals vierjähriger Bruder Knut hatten in dieser Nacht gleich mehrfach Glück“, sagt Ralf Schaper. Wäre die Luftmine ein paar Meter weiter eingeschlagen, hätte sie das Haus komplett weggerissen. Dass der Keller hielt und das Feuer im Haus schnell gelöscht wurde, kam noch hinzu.

Ralf Schaper geht davon aus, dass der Film mit den brisanten Bildern des zerstörten Hauses erst nach dem Krieg entwickelt wurde.

Die Rollei-Kamera hat er heute noch. Zwei Wochen nach seiner Geburt im März 1945 hat seine Mutter sie zusammen mit ihrem silbernen Hochzeitsbesteck unter einer Decke im Kinderwagen versteckt. Damals mussten sie aus ihrer Notwohnung in Waldkappel fliehen. In den letzten Kriegstagen explodierte am Bahnhof in Waldkappel ein Munitionszug. Es kam im ganzen Ort zu erheblichen Zerstörungen.

Mittlerweile ist Ralf Schaper, der als Mathematiker an der Uni Kassel arbeitete, pensioniert. Er wohnt nur einen Steinwurf entfernt von dem damals beschädigten Haus. An die Bilder seines Vaters hat er sich wieder erinnert, als er in der HNA den Bericht über den Bombenfund im Kasseler Hafen vor wenigen Tagen las. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Bombe auch bei dem Angriff am 3. Oktober 1943 gefallen ist“, sagt er. Die Fotos will er dem Stadtarchiv zur Verfügung stellen.

Mehr zu diesem Thema in unserem Spezial unter www.hna.de/bombennacht

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