Seghers sei eine Stalinistin und Antidemokratin, behauptet der CDU-Stadtverordnete Bernd-Peter Doose. Über den Streit und Anna Seghers sprachen wir mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Peter Seibert von der Universität Kassel.
Was sagen Sie über die Seghers-Debatte, die derzeit in Kassel geführt wird?
Prof. Peter Seibert: Das ist eine Provinzposse. Überall in Deutschland, nicht nur im Osten, sind Straßen nach Anna Seghers benannt worden. In ihrer Heimatstadt Mainz ist sie zur Ehrenbürgerin ernannt worden. Wenn man sagt, es darf keine Anna-Seghers-Straße geben, dann darf auch keine Straße und Schule mehr nach Bertolt Brecht benannt werden.
Die CDU führt an, Seghers sei eine Stalinistin und Antidemokratin gewesen.
Seibert: Kein Mensch, der von Seghers „Das siebte Kreuz“ gelesen hat, käme auf die Idee, dass sie eine Stalinistin gewesen ist. In dem Roman geht der Kommunist gleich unter. Sie zeichnete stattdessen den Entwurf eines Helden, der nicht zum sozialistischen Realismus stalinistischer Prägung passte. Übrigens wurde „Das siebte Kreuz“ 1944 in Hollywood mit Spencer Tracy, einem bekennenden Katholiken, in der Hauptrolle verfilmt. Darüber hinaus ist Seghers von der Autorin Christa Wolf, die niemals als Stalinistin bezeichnet worden wäre, hoch gelobt worden.
Seghers hat sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs und ihrem Exil in Mexiko dazu entschieden, in die DDR zu gehen. Was waren ihre Ambitionen?
Seibert: Sie hat sicherlich gehofft, dass mit der DDR ein Staat entsteht, in dem der Faschismus überwunden wird. Bei Bertolt Brecht und Heinrich Mann war das ebenso der Fall. Zudem haben die Westzonen damals sehr gezögert, Linke, die im Exil waren, wieder aufzunehmen. Ost-Berlin hat diese Leute hingegen mit offenen Armen empfangen. Brecht hat gar sein eigenes Theater bekommen. Seghers gehörte in Ost-Berlin der Gruppe der West-Exilierten an. Da gab es starke Unterschiede zu der Gruppe, die Walter Ulbricht nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil 1945 gegründet hat.
Die CDU wirft Seghers vor, dass sie 1955 in einem Schauprozess der DDR den Politiker und SED-Funktionär Paul Merker belastet hat.
Seibert: Merker gehörte ebenso wie Seghers der Gruppe der West-Exilierten an, die in der DDR unter Druck gesetzt worden sind. Es ist richtig, dass sie für ihren Freund und Weggefährten keine Partei ergriffen hat. Seghers hat damals wohl noch geglaubt, man müsse sich solidarisch mit der Führung der DDR zeigen. Sie hat sich in die Literatur zurückgezogen und das Erlebte in der Erzählung „Der gerechte Richter“ verarbeitet. Ähnliches kennen wir von Brecht: Nach seinem Tod hat man von ihm Gedichte zum niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 gefunden. Die DDR hat auch Romane von Seghers abgelehnt.
Nennen Sie ein Beispiel.
Seibert: „Transit“. Das ist meiner Ansicht nach der beste Roman des gesamten Exils. Er spielt in Marseille, thematisiert das Exil selbst und ist eine wunderschöne Liebesgeschichte. Während im Westen „Transit“ immer hoch gelobt und rezipiert worden ist, wurde er in der DDR abgelehnt. „Das siebte Kreuz“ steht noch heute in jedem Lehrplan drin.
Anna Seghers spielt als Schriftstellerin bis heute also eine herausragende Rolle?
Seibert: Ja. Deshalb darf man bei der Debatte in Kassel nicht vergessen, dass eine Straße nach der Frau benannt werden soll, weil sie eine bedeutende Literatin von Weltrang gewesen ist. Zudem würde die Benennung auch bedeuten, dass man eine verfolgte Jüdin würdigt. Man sollte „Das siebte Kreuz“ und „Transit“ von Anna Seghers lesen, bevor man solch eine Namensgebung ablehnt. Kassel muss ein bisschen aufpassen, dass über diese zur Posse gewordene Debatte nicht bald bundesweit berichtet wird.
Doose (CDU) bleibt bei Nein zu Seghers
In der Diskussion um die Neubenennung einer Straße nach Anna Seghers weist der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Bernd-Peter Doose darauf hin, dass Seghers nicht nur eine Mitläuferin, sondern als „exponierte Stütze des Unrechtsstaates DDR vor allem eine Täterin“ gewesen sei. So habe sie sich nicht nur zur sowjetischen Invasion in Ungarn 1956 bekannt, sondern auch zum Prager Frühling 1968 geschwiegen.
Den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953, bei dem es viele Tote und Verletzte gab, habe Seghers in ihrem Werk „Das Vertrauen“ mit dem Satz zu verharmlosen versucht: „Als die Arbeit wieder lief, wurden noch ein paar verhaftet, teils daheim, teils im Betrieb.“ Seghers sei auch aktiv tätig geworden bei der Verfolgung Unschuldiger. So habe sie Paul Merker, den ranghöchsten von der DDR verfolgten Kommunisten, als Agenten belastet und dazu beigetragen, dass Merker Opfer eines antisemitischen Schauprozesses wurde.
„Dass Anna Seghers belastet ist, hat auch die Diskussion in Niederzwehren gezeigt, wo der Ortsbeirat 2006 die Benennung einer Straße nach der Stalinistin abgelehnt hat“, sagt Doose. (use)































