Bad Wildungerin bei Olympia: „Es soll der Wettkampf meines Lebens werden“

Volle Konzentration: Carolin Schäfer ruht in sich selbst. In Rio hofft die Siebenkämpferin auf eine Platzierung unter den Top fünf. Foto:  Kaliske

Bad Wildungen. Die Karriere von Carolin Schäfer verläuft rasant. 2014 ging der Stern der Leichtathletin aus Bad Wildungen auf, als sie den vierten Platz bei der Europameisterschaft belegte.

Beim Siebenkampf in Götzis stellte Schäfer ihre Bestleistung auf. Die Belohnung: Sie startet bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Frau Schäfer, mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Brasilien?

Carolin Schäfer: Natürlich herrscht eine riesige Vorfreude. Olympische Spiele sind für einen Sportler das Größte. Ich möchte einen tollen Siebenkampf bieten, und dann gucken wir, wo ich lande. Aber das ist erst mal zweitrangig. Allein dass ich in Rio dabei sein kann – damit habe ich mein Ziel schon zu 90 Prozent erreicht.

Jetzt stapeln Sie tief, oder?

Schäfer: Nein, wirklich nicht. Für mich geht mit der Teilnahme ein Kindheitstraum in Erfüllung. Nun will ich die Atmosphäre vor Ort genießen und einfach mal in einen olympischen Wettkampf reinschnuppern. Ich möchte alles mitnehmen, was ich kriegen kann. Mit 24 Jahren bin ich für eine Siebenkämpferin sehr jung. Von daher liegt die sportliche Perspektive eher auf den Spielen 2020.

Aber wenn es in Rio gut läuft, könnte doch eine Medaille drin sein?

Schäfer: Was die Vorleistungen anbelangt, sind die Medaillen schon weg. Ich habe mir vorgenommen, die Marke von 6600 Punkten zu knacken. Es soll der Wettkampf meines Lebens werden. Ich sehe mich in einer Lauerposition und muss hellwach sein, wenn eine Favoritin patzt.

Müssen Sie sich manchmal kneifen angesichts Ihrer steilen Erfolgskurve?

Schäfer: Fast alle anderen in meinem Umfeld haben das Potenzial schon früher erkannt.

Und Sie nicht?

Schäfer: Es gab in meiner Karriere einen Schlüsselmoment. Das war in meinem Seuchenjahr 2013, als ich von den Juniorinnen zu den Erwachsenen gestoßen bin. Ich war öfter verletzt, kam mental nicht vorwärts und hab mich gefragt: Wie soll’s weitergehen?

Wie lautete die Antwort?

Schäfer: Mir war klar, dass ich umdenken und etwas verändern muss, um top zu werden. Das fing dann an bei der Ernährung und hörte auf bei psychologischen Aspekten, um die nötige Lockerheit im Kopf zu bekommen. Nach der erfolgreichen Zeit in der Jugend hatte ich mich in diesem Jahr um 180 Grad gedreht – und diese Wendung hat mir sehr gutgetan. Es ist inzwischen ein Umfeld entstanden, in dem ich mich als Athletin komplett fallen lassen kann.

Ihr Trainer Jürgen Sammert scheint der richtige Ruhepol dafür zu sein. Oder täuscht der Eindruck?

Schäfer: Er ist wie ein zweiter Papa für mich. Ich weiß, dass es während eines Wettkampfs in ihm brodelt wie in mir. Aber er strahlt diese unglaubliche Ruhe aus. Die ist sehr wichtig für mich. Und wenn ich mal zwei ungültige Versuche habe wie zum Beispiel zuletzt in Götzis, nimmt er mich in den Arm, spricht mir Mut zu, und dann läuft’s wieder.

Haben Sie Angst, dass es in Ihrem Sport irgendwann nicht mehr so gut läuft?

Schäfer: Das schreckliche Erlebnis im vergangenen Jahr hat mich geprägt. Ich habe in die dunkelste und tiefste Schublade geschaut. Nun weiß ich mehr denn je, was im Leben zählt. Sport ist meine Leidenschaft, aber eben nicht alles. Von daher ruhe ich heute in mir selbst. Ich bin tiefenentspannt. Deswegen gibt es keine Angstmomente.

Dazu passt ein Spruch, den Sie bei Facebook geschrieben haben: „Ich sehe die Zukunft kritischer als früher – und doch habe ich es nicht verlernt, an die Sonne zu glauben.“ Bewegende Worte.

Schäfer: Ich habe versucht, an die Sonne zu glauben. Nach den schlimmen Erlebnissen musste ich mich neu entwickeln und neu finden. Die Erinnerung begleitet mich jeden Tag. Mit dem Spruch wollte ich meinen Fans und Freunden mitteilen, dass ich meinen Optimismus nicht verloren habe. Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben und bin wieder glücklich.

Schreiben Sie die Statusmeldungen auf Ihrer Facebook-Seite eigentlich selbst?

Schäfer: Na klar. Ich finde es schön, dass ich auf diesem Weg zu Fans und Freunden Kontakt halten und ihnen Einblicke in mein Leben geben kann. Außerdem erhalte ich über Facebook Feedback, ich freue mich über Rückmeldungen. Das gehört heutzutage einfach dazu.

Weit mehr als 11 000 Fans.

Schäfer: Läuft.

Schauen Sie auf die Zahlen?

Schäfer: Man vergleicht sich schon mit anderen, klar. So viele Fans wie ein Fußballprofi werde ich nicht bekommen. Aber innerhalb der Leichtathletik-Gemeinde kann sich die Zahl sehen lassen. Da bin ich schon ein bisschen stolz.

Angstmomente kennen Sie nicht. Wird Ihnen etwas mulmig, wenn Sie an die WM 2015 in Peking denken, als Sie weinend in dem Stadion saßen?

Schäfer: Drei ungültige Versuche im Weitsprung – das passiert mir nur einmal. Wir haben nicht mehr viel darüber gesprochen, sondern gleich den Blick auf die nächste Saison gerichtet. In Rio wird so etwas nicht vorkommen, das können Sie mir glauben.

Na dann vervollständigen Sie diesen Satz: Am 13. August nach dem abschließenden 800-Meter-Lauf ...

Schäfer: ... jubeln 80 000 Menschen im Stadion, ich schaue auf die Anzeigetafel, habe eine Punktzahl von 6600 plus und eine Platzierung unter den Top fünf.

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