Einsatz für Infotafel

Debatte um jüdischen Friedhof in Binsförth

Besucher erwünscht: Doris Küllmer setzt sich dafür ein, dass der jüdische Friedhof als integraler Bestandteil der Gemeinde Morschen mehr Beachtung findet. Bei ihr bekommen Interessierte auch den Friedhof-Schlüssel.
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Besucher erwünscht: Doris Küllmer setzt sich dafür ein, dass der jüdische Friedhof als integraler Bestandteil der Gemeinde Morschen mehr Beachtung findet. Bei ihr bekommen Interessierte auch den Friedhof-Schlüssel.

 Binsförth. Das Interesse am jüdischen Friedhof in Binsförth ist laut Ortsvorsteherin Doris Küllmer (53) sehr überschaubar. "Vielleicht weil es im Ort keine Hinweisschilder gibt", überlegt Küllmer.

Sie ist seit vier Jahren Ortsvorsteherin in Binsförth. Bei ihr können Interessierte den Friedhof-Schlüssel abholen: "In der Regel kommen Verwandte der Verstorbenen, die Ahnenforschung betreiben oder Personen, die sich explizit für die jüdische Geschichte interessieren", sagt sie. Im vergangenen Jahr sei ein Nachfahre der Rosenblatt-Familie sogar aus Bremen angereist.

Der jüdische Friedhof wurde im 17. Jahrhundert für die jüdischen Bürger aus zehn Kleinstädten, Ortsteilen und Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis angelegt darunter Melsungen, Spangenberg, Heinebach und Binsförth.

Die Größe des Areals 5665 Quadratmeter zeugt davon, dass einst eine stattliche jüdische Gemeinde in der Region beheimatet war. 256 Grabsteine aus den Jahren 1694 bis 1937 sind bis heute erhalten geblieben.

"Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert", weiß Küllmer. Ob auch Nazi-Opfer dort begraben liegen, ist unklar. "Für die Deportation der Familien Simon und Rosenblatt aus Binsförth gibt es Belege." Dennoch würden im Ort keine Stolpersteine verlegt. Der Künstler Gunter Demnig verlegt die Steine vor den letzten selbstgewählten Wohnorten von Menschen, die Opfer des Nazi-Regimes wurden. "Die meisten Opfer aus Binsförth mussten zunächst in ein Ghetto oder wohnten vor ihrem Tod noch an anderen Orten", erklärt Küllmer.

Stolpersteine jedoch lägen immer am letzten bekannten Aufenthaltsort. Allerdings könnten die Hausbewohner in Eigenregie Informationstafeln gegen das Vergessen aufstellen, wenn sie es wollten, sagt Küllmer.

Genauso wenig wie Erinnerungen an einzelne jüdische Familien gibt es in Binsförth eine Hinweistafel mit Informationen zum Friedhof. "Es ist eine Bestätigung für rechtsradikale Gruppierungen, wenn man die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den Gemeinden vernachlässigt", urteilt Küllmer. Auf dem jüdischen Friedhof habe es noch nie Probleme mit Rechtsradikalen gegeben. "Daran wird auch eine Infotafel nichts ändern", erklärt die Ortsvorsteherin, "denn wer gerne randalieren und zerstören möchte, tut das auch ohne Hinweisschild."

Allerdings sei ein Schild aus Kosten- und Vandalismusgründen in der Gemeinde wohl eher nicht erwünscht.

Von Jasmin Paul

Kontakt: Wer dem Friedhof besuchen möchte, kann sich an Doris Küllmer wenden: Tel. 05664/8827 oder E-Mail an doris.kuellmer@googlemail.com. Allerdings gilt: Betreten an Samstagen und jüdischen Feiertagen verboten.

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