1. Startseite
  2. Lokales
  3. Melsungen

Lobby für gute Lebensmittel: Schnellröder im Bundesvorstand von Slow Food

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Da weiß man, was drin ist – und was nicht: Diese Gurken und vieles mehr, was in seinem Garten wächst, verarbeitet oder konserviert Dr. Hanns-Ernst Kniepkamp aus Überzeugung selbst. Foto:  Schwarz

Schnellrode. Wenn Dr. Hanns-Ernst Kniepkamp sich ärgert, kommt oft etwas Leckeres zu essen dabei heraus. Gerade hat der Schnellröder 25 Kilo Gurken aus eigenem Anbau eingeweckt – „weil man praktisch nirgendwo solche Konserven ohne Aromazusätze kaufen kann“, sagt er.

Auch Blätterteig wird im Hause Kniepkamp in Handarbeit ausgewalzt: „In dem gekauften ist überall Beta-Carotin drin – wozu braucht man das?“ Selbstgemacht schmeckt’s besser, weil man weiß, was drin ist und was nicht, meint der 63-Jährige, der auch Apfelsaft presst, Brot selber backt und Sauerkraut wie früher im Fass einlegt.

Gute und saubere Lebensmittel, auf hergebrachte Weise erzeugt, sind dem gelernten Chemiker ein Anliegen. Bei der Organisation Slow Food (siehe Stichwort) setzt sich Kniepkamp seit 2006 als Leiter des Conviviums Nordhessen dafür ein, das Wissen um traditionelle Produkte und Zubereitungsweisen zu bewahren. So hat Slow Food die Nordhessische Ahle Wurscht 2004 in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen, sie damit quasi unter Artenschutz gestellt und zugleich die bundesweite Bekanntheit des regionalen Vorzeigeprodukts wesentlich gemehrt.

Seit ein paar Monaten macht Kniepkamp auch auf nationaler Ebene Lobbyarbeit für gute und ehrliche Nahrungsmittel: Der Schnellröder gehört dem fünfköpfigen Bundesvorstand von Slow Food an. Dort ist er etwa damit befasst, welche bedrohten Produkte in die „Arche“ aufgenommen werden und welche Gastronomiebetriebe in ein Slow-Food-Empfehlungsbuch Eingang finden sollen. Auch bei Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern wirkt Kniepkamp jetzt mit: Dabei versuche die Slow-Food-Führung Einfluss auf die nationale Umsetzung von EU-Richtlinien zu nehmen: Diese seien für die handwerkliche Erzeugung von Lebensmitteln in der Regel kontraproduktiv und eher an die Erfordernisse der Industrie angepasst.

Mit regelmäßigen Telefonkonferenzen versuche der Bundesvorstand um den Freiburger Andreas Eichler alle Aufgaben zu erledigen, denn außer zwei Mitarbeitern in der Berliner Geschäftsstelle laufe alles ehrenamtlich, berichtet Kniepkamp. Da die Nahrungslobbyisten inzwischen aber fast 10 000 Mitglieder hätten, müsse über eine stärkere Professionalisierung der Arbeit nachgedacht werden.

Daran hatte es in der Vergangenheit zuweilen gefehlt. Wegen Buchführungsmängeln war Slow Food Deutschland unter dem früheren Vorstand in die Schlagzeilen geraten, die Finanzbehörden erkannten der Organisation deshalb die Gemeinnützigkeit ab. Es sei Aufgabe und Ziel des neuen Vorstandsteams, dies schnellstmöglich in Ordnung zu bringen, kommentierte Kniepkamp.

Gearbeitet werde auch an einer anderen öffentlichen Wahrnehmung. Slow Food müsse mit seinen Anliegen politischer auftreten, meint Kniepkamp: „Wir wollen weg vom Image des Genießervereins“.

Von Axel Schwarz

STICHWORT: Slow Food

Die Bewegung Slow Food wurde 1986 in Italien gegründet. Sie versteht sich als Gegengewicht zum Schnellimbisswesen (Fast Food) und zu fragwürdiger Industrienahrung. 85.000 Mitglieder, davon fast 10.000 in Deutschland, engagieren sich für regionale Esskultur und Küchentraditionen sowie für naturschonende Produktionsweisen. Slow Food versteht sich auch als Anwalt der Konsumenten. Die Aktivisten bieten Geschmacksschulungen und Produktaufklärungs-Aktionen an, betreiben Lobbyarbeit für den Verbraucherschutz sowie gegen Massentierhaltung und Agrarfabriken. Organisiert ist Slow Food bundesweit in 76 regionalen Gliederungen, so genannten Convivien. (asz) www.slowfood.de/nordhessen

Auch interessant

Kommentare