Gedenken im Internet

Virtuelle Kerzen: So ändert sich unsere Art zu trauern

Melsungen/Spangenberg. Durch Trauerseiten und Online-Friedhöfe entsteht für viele Verstorbene eine letzte Ruhestätte im Internet. Manuela Berger (70) aus Spangenberg (Name von der Redaktion geändert) hat eine solche Gedenkseite für ihre Eltern eingerichtet.

„Der letzte Wunsch meiner Mutter vor ihrem Tod war eine Seebestattung vor ihrer Lieblingsinsel Sylt“, erzählt Berger. „Wir brauchten zur Trauerbewältigung aber einen Ort, an dem wir uns mit meiner Mutter verbunden fühlen“, erklärt sie. Ein Grab habe es nicht gegeben, somit richtete sie eine Trauerseite im Internet ein.

Virtuelle Kerzen anzünden

„Unsere Familie hat die Seite mit Erinnerungen gefüllt, mit Fotos, Gedichten und Liedern. Zu besonderen Anlässen wie Geburtstag und Todestag zünden wir eine Kerze an, schreiben einen schönen Spruch dazu oder fassen unsere Gedanken in Worte“, erklärt sie.

„Individualität spielt eine große Rolle bei der Trauerbewältigung im Netz“, erklärt Viola Abermet, Promotionsstipendiantin im Fachbereich Soziologie der Universität Kassel, die sich mit dem Thema Tod und Trauer beschäftigt. Auf Trauerseiten werde ein sehr persönlicher Raum geschaffen, der oft individueller sei als ein Grab. Besonders auch der Erinnerungs- und Erfahrungsaustausch mit anderen Trauernden über das Internet sei für viele reizvoll, sagt Abermet.

Weltweiter Friedhof

36 Euro zahlt Manuela Berger im Jahr für die Gedenkseite ihrer Mutter - für sie eine günstige Alternative zu einem Grab auf dem Friedhof. „Außerdem kann ich von überall auf die Trauerseite zugreifen. Das ist auch für Angehörige, die weit weg wohnen leichter“, erklärt Berger.

„Besonders auch bei Todesfällen von jungen Menschen verlagert sich die Trauer ins Netz“, weiß Viola Abermet. Das Internet spiele für jüngere Generationen eine größere Rolle und auch soziale Netzwerke würden dann teilweise in die Trauerkultur integriert, weil es dort auch Austauschmöglichkeiten gebe.

Besonders in Foren, in denen Menschen sich austauschen können, bestehe eine größere Möglichkeit, schwerer vom Trauern loszukommen, erklärt Abermet. In Foren gibt es oft einen Raum für Verständnis, in denen sich Trauernde verstanden fühlen.

Manuela Berger hat den Austausch auf der Trauerseite ihrer Mutter begrenzt. „Die Seite war öffentlich, aber nach 800 Zugriffen wollte ich nicht mehr, dass Fremde Zugriff darauf haben. Jetzt gibt es ein Passwort“, erklärt sie. Alle Familienmitglieder haben dieses bekommen.

Friedhof als Auslaufmodell

„Das Internet wird den Friedhof als Trauerort nicht ersetzen“, so die Prognose von Abermet. Ein physischer Ort, an den die Menschen gehen können, sei wichtig. Trotzdem werde das Internet für Trauerbewältigung beliebter. Auch durch die Zunahme der Feuerbestattungen und anonymer Bestattung erhöhe sich der Wunsch nach einem individuellen Trauerort, sagt Abermet.

Ein Beispiel für eine solche Gedenkseite im Internet: www.infrieden.de

Hintergrund

Soziale Netzwerke richten ihre Profile für die Ewigkeit aus. Trotzdem kann man auf den Tod reagieren:

• Facebook: Der Account eines Verstorbenen kann durch Einreichen der Sterbeurkunde gelöscht werden. Das Profi kann auch in einen Gedenkzustand versetzt werden. Kein User hat dann mehr Zugriff auf Interaktionen mit dem Profil.

• Twitter: Über das reguläre Kontaktformular kann man Profile löschen.

• Google: Durch ein Kontoinaktivitätsmanager können Nutzer festlegen, wann sie welche Konten löschen möchten.

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Rubriklistenbild: © dpa

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