87-Jähriger ist letzter Überlebender der jüdischen Gemeinde

Debatte um Stolpersteine: Überlebender will für die Opfer reden

Hat Spangenberg nie vergessen: Jechiel Ogdan (87) ist der letzte Überlebende der dortigen jüdischen Gemeinde.

Spangenberg. Die Debatte um die Stolpersteine beschäftigt Jechiel Ogdan, den letzten Überlebenden der jüdischen Gemeinde in Spangenberg. Er will die Weigerung der Hauseigentümer, neue Steine für die Opfer des Holocausts verlegen zu lassen, nicht akzeptieren.

Als Jechiel Ogdan Spangenberg verließ, war er acht Jahre alt. Wahrscheinlich wäre er auch nicht viel älter geworden, wenn seine Eltern 1937 nicht Hab und Gut gepackt und erst die Stadt und ein Jahr später auch das Land verlassen hätten. Denn Jechiel Ogdan gehörte der knapp 100-köpfigen jüdischen Gemeinde in Spangenberg an. Die wenigsten ihrer Mitglieder überlebten den Nationalsozialismus - die meisten wurden deportiert, verschleppt, getötet.

Jechiel Ogdan ist der letzte Überlebende dieser Gemeinde. Der 87-jährige Physiker lebt seit Jahrzehnten in Israel - und hat doch seine ersten Lebensjahre in Spangenberg nie vergessen.

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Als er jetzt in der HNA las, dass die Spangenberger Initiative Stolpersteine in absehbarer Zeit keine neuen Gedenksteine für die Opfer des Holocausts verlegen darf, sei er völlig entsetzt gewesen, sagte er in einem Telefonat mit der HNA. Die Tatsache, dass manche Hauseigentümer ihre Zustimmung zum Verlegen neuer Steine verweigern, kann und will der 87-Jährige aber nicht einfach so stehen lassen.

Die Stolpersteine, sagt er, gäben ja nicht nur all den namenlosen Opfern eine Identität: Sie symbolisierten auch das Grab, das nach jüdischer Religion unabdingbar ist, damit die Verstorbenen bei der Ankunft des Messias wieder auferstehen können.

Dem Argument vieler Gegner, dass die Stolpersteine im Gehweg vor den ehemaligen jüdischen Häusern verlegt und später dann von allen Passanten mit Füßen getreten würden, kann er nichts abgewinnen: „Das ist nur ein Vorwand - in Wirklichkeit geht es um Egoismus. In Wirklichkeit will einfach niemand mehr in Verbindung mit jenen schrecklichen Zeiten gebracht werden.“

Das Bild zeigt eine Aufnahme von Ogdans Familie aus den frühen 30er-Jahren: Die ganze Familie Blumekrohn hat sich fürs Foto vor ihrem Haus in der Spangenberger Rathausgasse versammelt. Vor seiner Auswanderung hieß Jechiel Ogdan noch Manfred Blumenkrohn, auf dem Bild ist er der Junge vorne rechts. 

Ogdan ist aufgebracht. Seitdem ihm Freunde aus Fritzlar jene Artikel aus der HNA schickten, in denen sich die Mitglieder der Initiative Stolpersteine darüber beklagten, dass die Hauseigentümer ihre Zustimmung zum Verlegen neuer Steine verweigerten, sei er einfach nur entsetzt gewesen, sagt er.

Ogdan, der vor seiner Auswanderung noch Manfred Blumenkrohn hieß, hat jetzt einen Brief an Bürgermeister Tigges geschrieben, weitere an die Fraktionsvorsitzenden sollen folgen. Auch wenn er in Jerusalem lebe, entbinde ihn das nicht von seiner Pflicht als Fürsprecher derer, die nicht mehr für sich sprechen könnte: „Ich will und muss den Opfern eine Sprache geben.“

Sich selbst sieht er nicht als Opfer, wenn auch seine Schulzeit schwierig gewesen sei: „Ich saß als jüdisches Kind zwischen vielen Schülern, die sich in Sachen Hass und Verblendung bei ihren Eltern angesteckt hatten“, sagt er.

Das sei alles sehr lange her, doch die Erinnerung daran habe sich in seinem Kopf verankert.

Er habe sein Lebtag alles daran gesetzt, um sich gegen Hass und Verblendung zu stellen. „Das ist für mich eine heilige Aufgabe.“ Jechiel Ogdan lebt heute in Israel. Dort herrscht aktuell wieder Krieg. Während des Telefonats mit ihm sind im Hintergrund viele Sirenen zu hören. Drei Mal, sagt er, habe es in vergangenen vier Wochen einen Raketenalarm gegeben. Die Themen Hass und Verblendung begleiten ihn damit schon sein Leben lang.

Von Claudia Brandau

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