Heute vor 70 Jahren wurde das Jugend-KZ Moringen befreit

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Das Konzentrationslager Moringen Ende der 1930er-Jahre: Im Mai 1941 wurde das mehrgeschossige Steingebäude wegen steigender Einweisungszahlen um ein Barackenlager erweitert. Beide Lagerteile waren von der Außenwelt durch Stacheldraht, Wachtürme und Mauern abgeschirmt.

Moringen. Als am 9. April 1945 amerikanische Soldaten nach Moringen kamen, fanden sie das Konzentrationslager auf dem Gelände des heutigen Maßregelvollzugszentrums weitgehend verlassen vor.

Nur kranke und nicht mehr gehfähige Häftlinge waren zurückgeblieben.

Wenige Wochen zuvor waren noch rund 800 Jugendliche im Alter von 13 bis 22 Jahren in Moringen inhaftiert. Kurz vor Kriegsende wurden 250 von ihnen in die Wehrmacht einberufen. Die SS erklärte sie kurzerhand für „wehrdiensttauglich“, damit sie ihr Leben für Führer, Volk und Vaterland opferten.

Evakuierungsmarsch

Am 6. April 1945 erhielten die verbliebenen Häftlinge den Befehl zum Evakuierungsmarsch. 500 machten sich auf den Weg Richtung Harz, vermutlich zum Einsatz in einem Rüstungsbetrieb. Nachts wurde marschiert, tagsüber wurden sie von SS-Aufsehern in Scheunen oder leerstehenden Gebäuden eingesperrt.

Die beflaggte Kommandantur des Lagers an der Langen Straße in Moringen: Dieses Foto entstand vermutlich 1933.

Von Moringen führte der Marsch über Düderode und Seesen bis nach Lochtum und Abbenrode. Hier ließ die SS die Jugendlichen am 10. April schließlich zurück – nahende amerikanische Truppen zwangen sie zur Flucht. Zahlreiche Jungen sollen durch die Strapazen des Marsches zusammengebrochen sein. Ob sie überlebten, ist ungewiss. Auf sich allein gestellt baten die Jugendlichen in den nächsten Orten um Nahrung, bevor sie sich auf einen mühevollen Weg nach Hause machten. Entkräftet und größtenteils zu Fuß führte sie der Weg sogar bis nach Slowenien und Luxemburg.

Etwa 1400 Jugendliche waren von Juni 1940 bis zur Befreiung in Moringen inhaftiert. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute ungeklärt. 55 Gräber befinden sich auf dem Moringer Friedhof. Wissenschaftler gehen davon aus, dass über 130 Menschen in Moringen starben. Viele Häftlinge wurden zudem in andere Lager deportiert. Ihr Schicksal ist unbekannt.

Leben im Jugend-KZ

Der Alltag im Jugend-KZ war geprägt von Zwangsarbeit und einem willkürlichen Strafsystem bei völlig unzureichender Versorgung. Vom frühmorgendlichen Wecken bis zum Einschluss am Abend war der Tagesablauf minutiös durchstrukturiert.

Offiziell hieß das Lager in Moringen „Jugendschutzlager“. Kriminelle, asoziale und verwahrloste Jugendliche sollten hier Disziplin lernen und durch harte Arbeit erzogen werden – so die Vorstellung. Die Häftlinge mussten in verschiedenen Werkstätten innerhalb des Lagers, aber auch für private Firmen in der Region arbeiten. Tatsächlich wurde ihre Arbeitskraft bis zur völligen körperlichen Auszehrung ausgenutzt.

Beschimpfungen und Quälereien gehörten zum täglichen Leben im KZ. Das Strafsystem glich denen großer Konzentrationslager. Ein fehlerhafter Bettenbau oder eine falsche Bemerkung – alles wurde mit Strafen geahndet.

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