Täter haben keine Gefühle

Psychotherapeut zu Höxter: Opfer sind Instrumente für Machtrausch

Berlin. Mindestens zwei Menschen soll ein Paar in Ostwestfalen gequält und getötet haben. Die Ermittler vermuten als Motiv sadistische Machtspiele.

Die eigene Ohnmacht wird durch Gewalt zu Allmachtsgefühlen, erklärt der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke im Interview. Lüdke ist Spezialist für die Betreuung von Gewalt- und Kriminalitätsopfern. 

Muss man Empathie und Mitgefühl abschalten können, um solche Taten zu begehen?

Menschen, die solche Taten begehen, sind sogenannte antisoziale Täter. Früher hat man sie als Psychopathen bezeichnet. Sie sind eiskalt, berechnend, haben kein Gefühle. Sie üben im Grunde genommen nur eine unglaubliche Macht aus - sie sind Herr über Leben und Tod.

Wie entsteht so etwas?

Aktualisiert um 14.05 Uhr

Menschen, die so ticken, haben keine starke emotionale Bindung schon in ihrer Ursprungsfamilie gehabt. Sie fühlen sich extrem ohnmächtig, und ihr eigenes Gefühl von Ohnmacht verwandeln sie durch Gewaltausübung in das Gefühl von Allmacht. Wenn ich einen Menschen erniedrige, unter meine Kontrolle bringe, dann habe ich das Gefühl, unglaublich mächtig zu sein.

Gibt es auch Leute ohne emotionale Bindung in der Familie, bei denen sich das aber anders äußert?

Es gibt zahlreiche andere Menschen, die auch keine starke emotionale Bindung innerhalb ihrer Familien haben. Das äußert sich dann anders, indem sie letztendlich wenig soziale Kontakte haben, dass sie Einzelgänger sind. Sie setzen sich wenig für andere ein, aber sie sind völlig normale, gesunde Menschen, weil sie eben nicht so eine hohe kriminelle Energie haben.

Die Ex-Frau des mutmaßlichen Täters soll ihn bei den Taten unterstützt haben. Wie funktioniert die Macht in einer solchen Beziehung?

Die Macht über einen anderen Menschen läuft in erster Linie über Angst. Das heißt also, auch die Mittäterin wird wahrscheinlich große Angst gehabt haben: Wenn ich nicht mitmache, dann werde ich möglicherweise selbst zum Opfer. Zum anderen gibt es häufig eine psychische Störung bei solchen Täterpaaren, die man als Folie à deux bezeichnet - eine "Beklopptheit zu zweit". Einer, der Haupttäter, hat die psychische Störung, und infiziert den anderen mit normaler Gesundheit.

Und der kann dann auch zu solchen Taten fähig sein?

Das Ganze entwickelt sich häufig über einen längeren Zeitraum, und sie haben dann das Gefühl: Wenn ich jetzt hier nicht mitmache, dann ist mein eigenes Leben in Gefahr. Dann möglicherweise andere Menschen zu quälen oder zu töten, ist für sie das kleinere Schicksal - es ist leichter zu ertragen als sich mit der eigenen Perspektive und der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen.

Die beiden sollen eine Frau wochenlang festgehalten haben. Was für eine Beziehung entsteht mit dem Opfer?

Zwischen Täter und Opfer besteht eigentlich keine echte Beziehung. Aus Sicht der Opfer ist es so, dass sie alles tun, was der Täter von ihnen verlangt, weil es die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Aus Sicht der Täter ist es so, dass die Opfer für sie im Grunde genommen ein Instrument sind, um einen Machtrausch zu erleben. Je größer die Angst ist, je größer die Hilflosigkeit, desto stärker und mächtiger fühlen sich die Täter.

Zur Person: 

Der Essener Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke, Jahrgang 1960, war mehrere Jahre lang psychologischer Ausbilder von Polizei-Spezialeinheiten in Nordrhein-Westfalen und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Köln. Seit 1997 ist er Experte für die Betreuung von Gewalt- und Kriminalitätsopfern.

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Rubriklistenbild: © dpa

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