Jäger Hans-Peter Kretzschmar im Interview: „Wir sind ein Angriffsziel“

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Ein langer Weg bis zur Pirsch: „Fast alle Jagdanfänger kommen mit unklaren Vorstellungen zu uns“, sagt Ausbilder Hans-Peter Kretzschmar.

Kalefeld. Zwischen Wald-Romantik und rabiaten Tierschützern: Jäger sehen sich häufig mit verzerrten Vorstellungen über ihre Freizeitbeschäftigung konfrontiert.

Im Interview erläutert Hans-Peter Kretzschmar von der Jägerschaft Bad Gandersheim/Altes Amt, wie sie damit umgehen und worauf es bei der Ausbildung ankommt.

Viele Menschen denken, mit dem Jagen verhält es sich ähnlich wie mit dem Golfsport: Beide Freizeitaktivitäten formen Netzwerke, die gut sind für das berufliche Fortkommen. Stimmt das?

Hans-Peter Kretzschmar: Was stimmt ist, dass fast alle Jagdanfänger mit unklaren Vorstellungen zu unseren Kursen kommen. Da reicht das Bild der Jäger vom Ganghofer-Klischee bis zum Killer. Wir Jäger wissen das sehr wohl.

Wer sitzt in Ihren Kursen?

Kretzschmar: Das sind ganz gemischte Gruppen, vom Schüler bis zum Rentner, Berufstätige, Akademiker, Betuchte und auch Leute, die nicht so viel Geld haben. Beschränkt ist nur die Größe eines Kurses: Mehr als 20 bis 22 Teilnehmer sollten es nicht sein.

Warum nicht?

Kretzschmar: Bei dieser Gruppengröße kann man noch auf den einzelnen eingehen. Das ist deswegen wichtig, weil sie später über Waffen verfügen. Wir wollen sie so als Jäger ausbilden, dass ihnen klar ist, dass sie äußerstes Vertrauen rechtfertigen müssen.

Aber es gibt doch auch andere, die Waffen tragen dürfen.

Kretzschmar: Das dürfen sonst nur Militärs und Ordnungskräfte. Darüber hinaus noch Schützen, aber im Unterschied zu denen ist es Jägern erlaubt, Waffen offen zu tragen, etwa auf dem Weg vom Haus zum Auto. Deswegen legen wir Wert auf eine sorgfältige Ausbildung. Mit Hilfe von legalen Jagdwaffen ist meines Wissens noch nichts Schlimmes passiert.

Sie meinen zum Beispiel den Amoklauf von Winnenden. Der Vater des Täters ist Sportschütze und hatte die Waffen im Haus verwahrt.

Kretzschmar: Ja, das hat auch uns Jägern unheimlich geschadet.

Was sagen Sie Tierschützern, die ja teilweise sehr offensiv auftreten?

Kretzschmar: Wir sind offen, wir sind sichtbar, und es unstrittig, dass wir Tiere töten. Deswegen sind wir ein Angriffsziel für Tierschützer. Warum wir Tiere töten, fragen sie nicht.

Es gibt Jäger, die sehen sich selbst als Naturschützer.

Kretzschmar: Wir organisierten Jäger sind ein anerkannter Naturschutzverband. Wir kümmern uns auch um die nichtjagdbaren Tiere, um Pflanzen, um dem gesamten Lebensraum. Nehmen wir einmal Rehe. Es ist der menschliche Blick, der bei Rehen das Bambi sieht. Der größte Feind der Rehe ist aber das Reh selbst. Rehböcke kämpfen ihre Reviere auf Leben und Tod aus, das sind hochkomplizierte Gemeinschaften. In einem Revier versucht man die Tiere zu zählen, und der Landkreis gibt überzählige für den Abschuss frei.

Das Lehrbuch für die Jägerprüfung hat 1000 Seiten mit 5000 Fragen und Antworten. Was motiviert Ihre Kursteilnehmer, das durchzuackern?

Kretzschmar: Es gibt bei uns im ländlichen Bereich sehr viele Menschen, die sich einen Bezug zu ihrer Umwelt erhalten und großes Interesse an Natur und wildlebenden Tieren haben. Auf diesem Weg kommen viele auf den Gedanken, dass die vermeintlich wilde Natur mit einer gewissen Regulierung verbunden ist. So viel zu dezimieren wie nachwächst, ist der Ursprung der Nachhaltigkeit.

Im Harz hat ein Jäger auf Kühe geschossen. Wie erklären Sie sich das?

Kretzschmar: Das darf nicht passieren. Man kann bei der nächtlichen Jagd ein gewisses Restrisiko nie ausschließen, aber so etwas darf trotzdem einfach nicht passieren. Wir sind alle froh, dass der Mann seinen Jagdschein von selbst abgegeben hat.

Kann man einen Jagdschein auch aberkennen?

Kretzschmar: Sicher, das geht sogar sehr leicht. Wenn man zum Beispiel betrunken Auto fährt und den Führerschein abgeben muss, ist man auch den Jagdschein los. Dann ist die persönliche Zuverlässigkeit nicht mehr gegeben. Wenn Straftaten vorliegen, wird der Jagdschein sowieso erst gar nicht erteilt.