Bundestreffen der Heimatgruppe Neustadt: Letzte Zeitzeugen

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Erinnerungen an einen einmaligen historischen Vorgang: (von links) Josef Rohner, Werner Hesse und Herbert Schindler vor der Dokumentation zur Vertreibung aus Neustadt. Foto:  Coerschulte

Northeim. „Bei jedem Treffen frage ich mich: Wie viele werden es dieses Mal sein?“ Werner Hesse kennt die Treffen der Heimatgruppe Neustadt/Oberschlesien seit Jahrzehnten. Und er weiß, dass die Teilnehmer Zahl sinkt.

Eine leichte Wehmut schwingt schon mit, als der ehemalige Stadtdirektor von Northeim in seiner Festrede zum 30. Bundestreffen der Neustädter am Samstag in der Stadthalle Northeim die stetig geringer werdende Zahl der Teilnehmer anspricht.

Rund 130 Menschen, deren Familien am Ende des Zweiten Weltkriegs aus der oberschlesischen Stadt vertrieben worden waren, fanden sich am Pfingstwochenende zu ihrem Bundestreffen ein. „Wir sind die letzten Zeitzeugen, die es gibt“, sagt der Vize-Vorsitzende des Bundesverbands, Herbert Schindler. „Wir sind die letzten, die noch eine deutsche Geburtsurkunde in Oberschlesien bekommen haben.“

Herzliche Bekannte

Was machen die Enkel? Wie geht es den Freunden? Wen plagen Krankheiten? In den Plaudereien zwischen Empfang, Feierstunde und Abendessen tauschen sich die Neustädter aus wie herzliche Bekannte. Die Bundestreffen bedeuten aber mehr: Die Frauen und Männer treffen dabei auf Menschen, die wie sie noch wissen, wie es war in Oberschlesien, wie die Stadt aussah, wie das Leben sich abspielte.

„Es ist alles“, sagt Herbert Schindler, seine Hand beschreibt einen Bogen. Dann nickt er stumm. Der älteste Teilnehmer des Heimattreffens ist 86 Jahre alt, die Jüngsten sind 67. Sie waren Babys, als ihre Familien Schlesien verlassen mussten.

An die Vertreibung, die zwangsweise Umsiedlung von Menschen aus Ostpolen nach Neustadt (heute: Prudnik) und den Neuanfang der Oberschlesier im Westen erinnert eine Ausstellung im Foyer der Stadthalle. Unterlegt mit schemenhaften Schwarz-weiß-Fotos, sind die Augenzeugenberichte groß wie Poster gerahmt. „Die Enkel haben Zeitzeugen befragt“, erläutert Schindler. In der Dokumentation berichten drei Polen von ihrer Ankunft in Neustadt, dessen Häuser nach der Vertreibung der Deutschen leergefegt waren.

Der Vorsitzende des Bundesverbands, Josef Rohner, hat seine Erinnerungen ebenso festgehalten wie die Kürschnerfamilie Dittert (Northeim). Andere Tafeln dokumentieren die Patenschaft der Stadt Northeim für die Heimatgruppe Neustadt und die 30 Bundestreffen.

Den Enkeln erzählen

„Der Saal ist wieder etwas geflöht“, sagt Werner Hesse in seiner Festrede mit einem Blick auf die Tischgruppen vor seinem Rednerpult. Es gab Jahre, da füllten 400 Neustädter und mehr die Halle. „Sagen Sie es Ihren Enkeln weiter und fragen Sie sich: Habe ich genug erzählt?“, mahnt Hesse seine Zuhörer, den inzwischen historischen Vorgang der Vertreibung nicht in Vergessenheit geraten lassen. Er erinnert daran, dass dazu auch gehört, die Taten der Deutschen zuvor nicht zu verschweigen.

Werner Hesse, der sich seit Anfang der 60er-Jahre für die Patenschaft für die Heimatgruppe engagiert hat, mag die Stadt Northeim nicht aus dieser Verantwortung entlassen. Dass es die Heimattreffen in naher Zukunft nicht mehr geben könnte, glaubt er nicht. Die engste Verbindung der ehemaligen Neustädter untereinander sei der Neustädter Heimatbrief. Und der habe 1200 Abonnenten.

Von Tatjana Coerschulte

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