Literaturblogger aus Bad Hersfeld im Wochenendporträt

Bloggen im Advent: Tilman Winterling startet besonderen Kalender

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Steckt seine Nase jährlich in mehr als 100 Bücher: Der in Hamburg lebende Literaturblogger Tilman Winterling stammt aus Bad Hersfeld, der Stadt, in die er eines Tages auf jeden Fall zurückkehren will.

Bad Hersfeld/Hamburg. Literaturblogger Tilman Winterling aus Bad Hersfeld liest bis zu 100 Bücher im Jahr. Jetzt hat er einen besonderen Adventskalender entwickelt: ohne Türen und Geschenkpapier.

In diesem Adventskalender gibt es keine Schokolade und keine lustigen Bildchen. Das warten auf Weihnachten verkürzt der 29-jährige Bad Hersfelder mit Texten. Er gilt als einer bekanntesten Literaturblogger Deutschlands.

Auf der Internetseite www.54stories.de veröffentlicht Winterling gemeinsam mit der aus Niederaula stammenden Autorin Saskia Trebing ab dem 1. Dezember täglich Kurzgeschichten und Lyrik. Die Autoren: mal bekannt, mal Neulinge. Und ab und an wurden seit dem ersten Kalender im Jahr 2014 aus Neulingen auch Bekannte. Wie bei Julia Wolf, die in diesem Jahr beim renommierten Bachmann-Preis eine Auszeichnung erhielt. Oder bei Philipp Winkler, der es mit seinem Debütroman „Hool“ auf die Shortlist des deutschen Buchpreises schaffte.

Aus einer Laune heraus

Begonnen habe die Bloggerei „aus einer Laune heraus“, sagt Winterling, der heute in Hamburg lebt. Die Motivation: 54 ungelesene Bücher aus dem heimischen Regal zu lesen und zu kritisieren.Das Problem: Es kamen ständig neue hinzu. „Bis heute habe ich von den ursprünglichen 54 gerademal einen Bruchteil geschafft“, sagt Winterling. Das ist alleine deswegen bemerkenswert, weil er viel liest. Sehr viel. Bis zu 100 Bücher pro Jahr, im Bus, in der Bahn, in der Mittagspause. Rezensiert hat er knapp 450. „Für mich ist Lesen Entspannung, dafür schaue ich dann halt keine Serien bei Netflix“, sagt er.

Seit einer Weile schreibt Winterling auch selbst Texte und hat in zwei Anthologien Kurzgeschichten veröffentlicht. Dass die Literaturszene in Deutschland wachse, sei ein Trugschluss, meint er. „Durch das Internet sieht man nur mehr.“ Anbieter wie Amazon machten es Autoren ohne Verlag leichter, Texte zu veröffentlichen.

Mit seinen beiden Blogs hat sich Winterling in der Szene einen guten Ruf erarbeitet. Er wird auf die Frankfurter Buchmesse eingeladen, gibt Interviews im Deutschlandfunk und sitzt in der Jury des Hamburger Literaturpreises. „Ich habe mir wohl im Laufe der Zeit ein gewisses Standing erarbeitet“, sagt er. Die Reichweite seiner Projekte wächst stetig. Der Kalender erreicht in der Spitze täglich 2500 Leser, die Seite mit Buchrezensionen wird monatlich bis zu 15 000-mal angewählt.

Viel Lob hat Winterling für seine Heimatstadt übrig. „Es ist unglaublich, was für eine gute Kulturszene es dort gibt, auch abseits der Festspiele. Allein das Buchcafé ist ein echtes Pfund“, sagt er. Eine Lesung in der Region plant er derzeit nicht. Dafür fehle es noch an Autoren. Sicher ist aber: „Irgendwann ziehe ich wieder dorthin zurück.“ Bis dahin wird er aber noch viele Bücher lesen. Mal bekannte, mal neue.

Zur Person

Tilman Winterling (29) ist nach eigenen Angaben „ein echter Hersfelder Junge“. Er besuchte die Wilhelm-Neuhaus-Schule, die Konrad-Duden-Schule und machte Abitur an der Modellschule Obersberg. Zum Jura-Studium zog es ihn nach Münster. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt für Urheber- und Medienrecht in Hamburg, wo er unter anderem Autoren und Verlage berät.

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