Normaler Schlepper kommt nicht mehr durch

Wegen maroder Brücke: Landwirt fährt jährlich 5000 Kilometer Umweg

Lange Umwege mit Schlepper: Dabei liegen Äcker und Grünland der Familie Leidorf gleich auf der anderen Fuldaseite. Das Foto zeigt Thomas Leidorf mit dem 115-PS-Schlepper, angehängt ein 10 000 Liter Güllefass. Foto: Schankweiler-Ziermann

Blankenheim. Grünland und Äcker der Landwirtsfamilie Leidorf liegen gleich auf der anderen Fuldaseite und doch weit entfernt.

Fast 5000 Kilometer pro Jahr fahren Thomas Leidorf und seine Eltern mit dem schweren Schlepper zusätzlich, weil sie über die Blankenheimer Brücke nicht mehr rollen dürfen.

Thomas Leidorf (28) und seine Eltern Karl und Sonja bewirtschaften ihren Milchviehbetrieb in Blankenheim, ein Ortsteil von Bebra, im Vollerwerb. 100 Kühe stehen im Stall, deren Futter auf der anderen Fuldaseite 400 Meter vom Hof entfernt wächst. Schon als Leidorf noch ein Kind war, war die Brücke auf Fahrzeuge bis sechs Tonnen beschränkt, inzwischen steht dort ein Schild, das nur noch Fahrzeuge unter drei Tonnen Gewicht zulässt. Unbeladen wiegt ein normaler Schlepper schon sechs bis sieben Tonnen, sagt Leidorf. Ein volles Güllefass wiegt noch einmal 15 Tonnen.

Zusätzlich sorgt seit dem vergangenen Jahr eine Höhenbegrenzung von 2,20 Metern dafür, dass wirklich keine größeren Fahrzeuge mehr über die Fulda kommen. „Bei der Höhenbegrenzung von 2,20 Metern passt praktisch kein Schlepper mehr durch“, sagt Leidorf. Außer den ganz alten.

Jetzt muss Gülle raus 

In Kürze, wenn die Böden abgetrocknet sind, will der Agrar-Betriebswirt die erste Gülle rausfahren. 16 bis 18 Kilometer muss er mit dem drei Meter breiten Güllefass eine große Runde über die Bundesstraße 27 und Meckbach fahren, weil die Brücke marode ist. Auf der Bundesstraße komme es immer wieder zu gefährlichen Situationen, weil die Autofahrer genervt seien und vorbei wollten.

Über Weiterode wäre es etwas kürzer, aber dort könne man eigentlich gar nicht fahren, weil kein anderes Fahrzeug entgegekommen dürfe, Schlaglöcher und Baumwurzeln auf der Strecke die Fahrt erschweren. „Man merkt jede Bodenwelle“, erklärt Leidorf, werde durchgeschüttelt, da die Schlepper kaum gefedert sind.

„Ich hoffe, dass mal was in die Gänge kommt. Auch für uns Landwirte hat der Tag nur 24 Stunden.“

Für den Liter Milch bekommt Leidorf zurzeit 28 Cent, 26 Cent kostet die Produktion - ohne die Lohnkosten. Abgesehen davon, dass die Milchbauern bei diesem Preis von ihren Rücklagen leben und auf bessere Zeiten hoffen, sinkt das Einkommen durch die zusätzlichen Kosten wegen langer Wege noch einmal.

Vier Vollerwerbs- und einen Nebenerwerbslandwirt gibt es noch in Blankenheim und Breitenbach. Er selbst, sagt Leidorf, sei wahrscheinlich der Hauptbetroffene. Er hofft, „dass jetzt mal was in die Gänge kommt“. Denn nicht nur Landwirte brauchen die Brücke. Sie wird auch von den Radfahrern auf dem R1 genutzt, ist Zufahrt zum Sportplatz und zum Schützenhaus. Und sie ist sanierungsbedürftig. Spätestens, wenn die Brücke ganz gesperrt werden müsse, werde man merken, dass sie unentbehrlich sei, sagt Leidorf.

Die marode Blankenheimer Fuldabrücke kann von Landwirten zurzeit nicht genutzt werden. Thomas Leidorf hat usgerechnet, was das für seine Familie mit 100 Milchkühen und 120 Hektar Grün- und Ackerland bedeutet.

5 Arbeitswochen im Jahr sitzt der Landwirt zusätzlich am Steuer seines Schleppers - 200 Stunden Arbeitszeit - um Äcker und Grünland zu erreichen.

16 bis 18 Kilometer fährt der Landwirt anstelle von 800 Metern - so weit entfernt sind die Flächen einschließlich der Rückfahrt zum Hof.

32 der 120 Hektar Land der Leidorfs liegt auf der anderen Fuldaseite.

45 bis 50 Minuten pro Runde Umweg braucht der Landwirt.

384 Fahrten pro Jahr macht Leidorf, um Gras zu mähen, Gülle zu fahren, Stickstoff nachzudüngen, zum Pflanzen- und zum Fungizidschutz, Mähdreschen, zum Strohtransport, zum Pflügen, Gruppern oder Säen.

3000 Euro etwa betragen die Kosten für die Abnutzung der Schlepper, Anhänger und Anbaugeräte sowie die Reifen, die eigentlich fürs Fahren auf Ackerland gedacht sind.

3447 Euro betragen die Mehrkosten für den Dieselkraftstoff.

8617 Kilogramm zusätzliche CO2-Belastung hat Leidorf durch die Umwege ausgerechnet.

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