Einst Hoechst, jetzt Dura Fiber Technologies: Unternehmen feiert Geburtstag

Seit 50 Jahren Fasern aus Bad Hersfeld: Ein Betrieb im Wandel

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Betriebsratsvorsitzender Frank Sandrock (links) und Hauptgeschäftsführer Ralph Van Loo präsentieren Garne.

Bad Hersfeld. Ein halbes Jahrhundert mit Höhen und Tiefen: Einst gehörte Hoechst mit über 2000 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern in Bad Hersfeld, heute sind keine 400 Beschäftigten mehr für den Faserhersteller tätig, der jetzt unter dem Namen Dura Fiber Technologies firmiert. Die Geschäftsführung blickt nach den jüngsten Veränderungen aber optimistisch in die Zukunft.

Wir stellen das Unternehmen zum 50. Geburtstag in Zahlen vor.

0 Euro beträgt der Bonus in diesem Jahr, und auch in den nächsten Jahren wird es keine Boni für die Mitarbeiter geben: Harte Einschnitte mussten die verbliebenen Beschäftigten in den vergangenen Jahren hinnehmen, unter anderem zehn Prozent Lohnverzicht. Dem Faserhersteller hatte unter anderem die Billig-Konkurrenz aus Fernost zu schaffen gemacht. Inzwischen scheint es wieder bergauf zu gehen.

„Die Mitarbeiter haben uns sehr geholfen“, betont Hauptgeschäftsführer Ralph Van Loo. „Die Margen sind gering, aber wir schreiben schwarze Zahlen.“ Den Einsparungen der Vergangenheit sollen nun Investitionen folgen, etwa im Bereich des Maschinenparks. „Wer Geld verdienen will, muss auch Geld ausgeben“, sagt Van Loo.

Geschäftsführer sind am Ruder: Neben Matthias Heß, der vor allem für die Produktion verantwortlich ist, ist der 49-jährige Niederländer Ralph Van Loo seit März dieses Jahres Hauptgeschäftsführer und somit hauptverantwortlich. Er war zuvor Commercial Director Europe am Dura-Fibers-Standort in Luxemburg

Jahre, bis Ende 2018, läuft der nach einigem Ringen geschlossene Standortsicherungsvertrag, der erstmal Ruhe in das Unternehmen bringen sollte. Für die Beschäftigten gilt weiterhin der Tarifvertrag der chemischen Industrie, allerdings mit einer sogenannten Öffnungsklausel, die etwa den Lohnverzicht ermöglicht, wie Betriebsratsvorsitzender Frank Sandrock erklärt.

Eigentümer hatte das Unternehmen in der Firmengeschichte, mit denen sich zum Teil auch die Namen änderten, sechs an der Zahl: Hoechst, Trevira, Kosa, Invista, Performance Fibers und nun Dura Fiber Technologies. Grund für die jüngste Namensänderung im April 2015 war der Verkauf des Asien-Geschäfts, mit dem auch der Name verkauft wurde.

Offiziell eingeweiht wurde der Betrieb 1966, der erste Spatenstich war 1964. Mit der Inbetriebnahme des Hersfelder Faserwerks wuchs das Chemie- und Pharmaunternehmen Hoechst als eines der größten in Deutschland noch weiter. Seit März dieses Jahres ist der Bad Hersfelder Standort völlig eigenständig, mit eigener Kundenberatung, Finanzabteilung, Verkauf, Einkauf und Marketing. Bei den Kunden käme das gut an, sagt Van Loo.

5 Minuten maximal soll die Rede von Van Loo dauern, die er am heutigen Samstag bei der offiziellen „Geburtstagsparty“ mit über 700 Gästen halten will. Zu den geladenenen Gästen gehören Vertreter aus Politik und Gesellschaft. Für die Mitarbeiter und deren Angehörige findet ein Familienfest mit Kinderbelustigung, Werksbesichtigungen und Musik aus Holland statt.

33 Hektar groß ist das ehemalige Hoechst-Gelände, das nicht mehr komplett genutzt wird. 16 Firmen sind dort inzwischen als Untermieter und nutzen Büros und Lagerflächen. Das Gelände gehört mittlerweile einer Finanzierungsfirma, mit der ein Langzeitvertrag über 20 Jahre besteht, wie Van Loo erläutert.

37,5 Stunden arbeiten die Beschäftigten am Standort Bad Hersfeld in der Woche. Ihnen steht eine kleine Kantine zur Verfügung, das große „Kasino“ wurde geschlossen und war im vergangenen Jahr als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch. Das Vorhaben scheiterte jedoch.

367 Mitarbeiter hat Dura Fiber in Bad Hersfeld aktuell, davon 254 in der Produktion. Laut Van Loo und Sandrock ist das der höchste Stand in den vergangenen vier Jahren. Bis Ende 2016 sollen es 375 sein.

450 aktive Kunden hat der Betrieb weltweit – aus Deutschland ebenso wie aus den USA, Asien oder Südamerika. Verwendet werden die Garne aus Bad Hersfeld vor allem in der Automobilbranche, zum Beispiel für die Gurte der Mercedes S-Klasse oder Lkw-Planen. Aber auch Sonnensegel entstehen aus Fasern made in Hersfeld – wie die Überdachung des Schalke-Stadions. „Und fast jeder, der schon mal mit Nadel und Faden gearbeitet hat, hatte Garn aus Bad Hersfeld in der Hand“, weist Van Loo auf den Einsatz als Nähgarn hin.

700 verschiedene Produkte, sprich Garne, die sich zum Beispiel in der Festigkeit, der Dicke oder der Farbe unterscheiden, werden in Bad Hersfeld hergestellt. Darunter auch UV-beständige Garne, die in der Sonne nicht ausbleichen, oder flammenhemmende. „Das ist Wahnsinn“, so Van Loo. „Das hat weltweit niemand, auch innerhalb der Gruppe hat kein anderes Werk eine solche Produktvielfalt.“

2176 Mitarbeiter hatte das Unternehmen im Jahr 1971 – der Höchststand, 1996 waren es noch 769. (nm)

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