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Erinnerungen im Gehweg

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Sie sind auf den Spuren jüdischer Familien, die einst in Rotenburg lebten: Anne Wicke, Sabrina Brill, Lars Schmidt, Britta Hildebrand, Lehrerin Christiane Lindner und Anna Maria Becker sichten Stammbäume, lesen alte Dokumente. Die Elftklässler des Orientierungskurses Geschichte beteiligen sich am Projekt Stolpersteine.   Foto: Schubert
Sie sind auf den Spuren jüdischer Familien, die einst in Rotenburg lebten: Anne Wicke, Sabrina Brill, Lars Schmidt, Britta Hildebrand, Lehrerin Christiane Lindner und Anna Maria Becker sichten Stammbäume, lesen alte Dokumente. Die Elftklässler des Orientierungskurses Geschichte beteiligen sich am Projekt Stolpersteine. Foto: Schubert © -

Rotenburg. Sie erleben Geschichte momentan einmal ganz anders: Die Elftklässler der Jakob-Grimm-Schule Rotenburg wühlen sich durch Stammbäume, sichten Dokumente in altdeutscher Schrift und diskutieren über Familienverstrickungen früherer Rotenburger. Die Jugendlichen des Orientierungskurses Geschichte erforschen die Schicksale fünf jüdischer Familien. Vor deren damaligen Häusern in Rotenburg sollen bald so genannte Stolpersteine verlegt werden.

„Wenn man spazieren geht, wird man in Gedanken darüber stolpern und sich bewusst werden, was sich hier ereignet hat“, sagt die 17-jährige Carolina Weyh. Mit drei Mitschülerinnen versucht sie, das Mosaik der Familiengeschichte Gans zusammenzusetzen.

„Dort, wo heute die Sparkasse ist, arbeiteten Jettchen und ihre Nichte Betty Gans in einer Schneiderei an der Breitenstraße“, sagt Jana Wollstein. Und sie erzählt, wie die beiden nach Theresienstadt verschleppt wurden, sich die Spur Bettys verlor und Jettchen 1944 dort starb.

Vier weitere, ganz ähnliche Familientragödien erkunden die Schüler seit fünf Wochen. Am 25. Mai, wenn die Stolpersteine in die Gehwege eingelassen werden, stellen die Schüler große Schautafeln auf mit all dem, was sie herausgefunden haben. „Es ist sehr interessant, das zu recherchieren. Man erkennt, dass es direkt vor der Haustür passiert ist“, sagt Katharina Dick.

Die Schüler haben das Archivmaterial von Dr. Heinrich Nuhn bekommen, der sich seit Jahren in der Arbeitsgruppe Spurensuche engagiert. Für die Jugendlichen begann eine Puzzlearbeit: viele alte Dokumente, Internetrecherchen und eine Fahrt ins Kasseler Stadtarchiv. „Es ist spannend, aber mühselig“, hat Magnus Hose festgestellt.

Gerade die Informationsquelle schlechthin, das Internet, versage in diesen Fällen häufig. „Man sucht jede Menge Zeug durch, aber es gibt sehr wenig Informationen“, sagt Felix Wild und sieht sich eine Kopie des „Kreisblattes“ von damals an. Immerhin hat er mit seiner Gruppe dort eine Anzeige der gesuchten Kaffeerösterei an der Brotgasse 32 gefunden. „Die Schüler finden die Aktion gut, sie sind sehr interessiert“, resümiert Fachlehrerin Christiane Lindner. An der Recherchearbeit, den alten Bildern von Rotenburg, aber ganz besonders an den persönlichen Schicksalen der Menschen.

Von Elisa Schubert

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