Zu Gast in Hersfeld-Rotenburg

Interview mit Hans-Dietrich Genscher: "Ein Volk waren wir immer"

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Eloquent : Hans-Dietrich Genscher beim Festakt 40 Jahre Herz- und Kreislaufzentrum. Foto:  Schankweiler-Ziermann

Hersfeld-Rotenburg. Beim Festakt 40 Jahre Herz- und Kreislaufzentrum in Rotenburg waren Hans-Dietrich Genscher und seine Frau Barbara Genscher Festgäste. Wir hatten Gelegenheit, dem langjährigen Außenminister und Vizekanzler einige Fragen zu stellen.

Herr Genscher, Sie haben 1971 die Festrede zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele gehalten und haben zur DDR-Zeit auf Ihrem Weg in Ihre alte Heimat Halle im Hotel Pergola in Rotenburg übernachtet. Was verbinden Sie mit den Städten im Kreis Hersfeld-Rotenburg? 

Hans-Dietrich Genscher: Freundliche, und vor allem gastfreundliche Städte in Hessen, die lange Zeit die Last der deutschen Teilung auf der westlichen Seite besonders zu tragen hatten und sich dieser Verantwortung mit eindrucksvoller Haltung gestellt haben.

Das HKZ ist 40 Jahre alt. Damals war hier noch Zonenrandgebiet. Konnten Sie sich damals vorstellen, dass die Grenze zur DDR zu Ihren Lebzeiten fallen würde? 

Genscher: Ich war immer überzeugt, dass mir der liebe Gott eine normale Lebenserwartung schenkt, dann würde ich es erleben. Und so geschah es auch. Das war eine wunderbare Erfahrung.

Wie wäre Ihr Satz 1989 in der Prager Botschaft, der im Jubel der Ausreisewilligen unterging, weitergegangen? 

Genscher: Ich wollte eigentlich nur sagen, dass die Ausreise „heute möglich geworden“ sei. Der Jubel war schlagartig beendet als ich sagte, dass die Züge durch die DDR fahren. Die Flüchtlinge hatten Angst, sie könnten angehalten werden. Ich war der Überzeugung, die DDR würde Wort halten. Und diese Überzeugung sprach ich auch aus. „Ich verbürge mich dafür“, sagte ich. Als in der Nacht die telefonische Bestätigung kam, dass der erste Zug in Hof angekommen sei, fiel mir dennoch ein Stein vom Herzen.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie heute die Bilder von damals sehen? 

Genscher: Die Bilder bewegen mich immer noch wie damals das unmittelbare Erleben. Es gibt eben Dinge, die man nie vergisst. Die man auch nicht vergessen sollte.

Wir sind ein Volk, riefen 1989 die Menschen bei den Montagsdemos. Viele aus den alten Bundesländern haben bis heute die neuen Bundesländer nicht besucht und umgekehrt. Sind wir wieder ein Volk?

Genscher: Ein Volk waren wir immer, das wird auch in Zukunft so sein. Wie stark dieser Wille, in einem Staat zu leben war, konnte man 1989 erleben. Gewiss, das mag es geben, aber vielleicht gibt es ja auch Mecklenburger, die nie in Sachsen waren, vielleicht auch Bayern, die noch nie Niedersachsen besucht haben.

Würden Sie heute manchmal gerne am Kabinettstisch von Frau Merkel sitzen? 

Genscher: Ich war 23 Jahre Mitglied der Bundesregierung. Zunächst als Innenminister und dann 18 Jahre als Außenminister - länger als jeder anderer meiner Kollegen. Es scheint, als ob es so bleiben wird. Alles hat ein Ende und muss es auch haben. Ich bin dankbar dafür, dass ich meinem Land so lange als Minister dienen durfte. Aber genug ist genug. Das gilt auch hier. Frau Merkel habe ich als Kabinettskollegin erlebt. (ank)

Bilder: 40. Geburtstag des Herz- und Kreislaufzentrums mit Hans-Dietrich Genscher

40 Jahre Herz- und Kreislaufzentrum

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