Montagsinterview zum Thema Geschichtsbewusstsein

Historiker Dr. Michael Fleck: Kein Mann von gestern

Hohe Auszeichnung: Der Bad Hersfelder Historiker Dr. Michael Fleck mit seiner Urkunde für den Hessischen Wissenschaftspreis. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Der Bad Hersfelder Historiker und Altphilologe Dr. Michael Fleck ist in der vorletzten Woche mit dem Wissenschaftspreis „Hessische Geschichte und Landeskunde“ ausgezeichnet worden.

Damit wurde Flecks 2014 erschienenes Buch gewürdigt, in dem er die vom Hersfelder Mönch Ekkebert verfasste Lebensgeschichte des heiligen Heimerad herausgegeben und aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen hat. Wir sprachen mit Fleck über seine Auszeichnung, Geschichtsbewusstsein und das Stadtarchiv.

Herr Dr. Fleck, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst hat Ihnen als erstem Hersfelder diesen hohen Preis verliehen. Macht Sie das stolz?

Dr. Michael Fleck: Also, so ganz kalt lässt es mich nicht. Ich habe nicht damit gerechnet, denn die Arbeit ist von der Historischen Kommission für Hessen eingereicht worden, ohne dass ich zunächst davon wusste.

Und es passt ja auch inhaltlich, denn das Buch dreht sich ja um einen Hersfelder...

Fleck: Es ist geschrieben von einem Hersfelder Mönch über einen Heiligen, der kurzzeitig in Hersfeld gewesen ist und dem es hier sehr schlecht ergangen ist.

Wie viel Arbeit steckt in dem Buch?

Fleck: Das ist schwer zu sagen, weil man ja nicht am Stück arbeitet. Aber mein Buch über Wigbert ist 2011 erschienen, der Heimerad 2014 - also ist er dazwischen entstanden.

Sie sind Historiker und Altsprachler. Kommt man sich da in unserer Gesellschaft nicht als Person von gestern vor?

Fleck: Eigentlich nicht. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man als Altphilologe immer wieder auf großes Erstaunen und eine gewisse Bewunderung trifft. Ich habe nie das Gefühl, dass man deshalb als „von gestern“ betrachtet wird.

Sie sehen aber schon die gesellschaftliche Entwicklung...

Fleck: Ja, die geht natürlich vollkommen in eine andere Richtung. Es ist die alte Frage: Was bringt die Beschäftigung mit solchen Dingen wie Latein, Griechisch und der damit zusammenhängenden Geschichte und Kultur. Das ist nicht schlicht zu beantworten nach Nutzen oder Notwendigkeit. Sondern es geht im Grunde um die Bereitschaft, sich auf die europäischen Wurzeln zu besinnen. In einer Zeit, in der andere Kulturen immer stärker in unser Bewusstsein treten, erscheint es mir von besonderer Bedeutung, zu erkennen, was unsere europäische Kultur ausmacht. Dazu gehören nun einmal die alten Sprachen und die christliche Tradition des Mittelalters.

Aus Ihnen sprechen Lebenserfahrung und Altersweisheit. Was aber raten Sie jungen Menschen, die im Hier und Jetzt zuhause sind?

Fleck: Wenn sie sich den Luxus einer Ausbildung leisten können, die nicht von vornherein auf einen ganz bestimmten Zweck ausgerichtet ist, warum sollen die nicht ein Gymnasium besuchen, in denen diese Sprachen noch unterrichtet werden? Denn die Frage nach dem eigentlichen Nutzen eines Schulfachs, die ist ohnehin schwer zu beantworten - das gilt nicht nur für die alten Sprachen. Weshalb muss ein Mediziner oder Jurist Geschichte oder Deutsch über neun Jahre lernen? Von solchen Fächern wie Erdkunde ganz abgesehen. Und was in der Mathematik und den Naturwissenschaften gelehrt wird, hilft nachher dem, der das als Beruf ergreifen will, meist überhaupt nicht. Die müssen alle wieder von vorn anfangen. Es ist meiner Meinung nach so, dass keines der Schulfächer, auch nicht die modernen Fremdsprachen, für ein bestimmtes Ziel im späteren Leben ausbilden.

Sie sind ja selbst Lehrer gewesen. Wird Schule denn dann noch ihrem Auftrag gerecht? Oder folgt sie zu sehr den Trends?

Fleck: Ich habe in der Zeit, in der ich unterrichtet habe, so viele Veränderungen und so viele Trends erlebt, dass es mir im Grunde gar nicht so wichtig erscheint, welches Schulsystem wir haben, sondern dass der Mensch etwas lernt. Und das kann kein Schulsystem auf Dauer verhindern.

Abschließend ein Wort zu Bad Hersfeld. Das Stadtarchiv scheint in einem bedenklichen Zustand. Wie sehen Sie es? 

Fleck: Es ist ein bisschen so wie mit der Frage nach dem Wert der alten Sprachen angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung. Man kann natürlich der Ansicht sein, dass das olle Zeug weiterhin verrotten soll. Auf der anderen Seite kann man aber auch sagen: Hier sind noch greifbare Reste aus der interessanten und bedeutenden Vergangenheit einer Stadt. Es müsste eigentlich das Interesse aller sein, diese Dinge möglichst gut zu erhalten und die finanziellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir angemessene Räume erhalten und einen hauptamtlichen Archivar bekommen, der die Sachen professionell aufarbeitet.

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