Vor 53 Jahren auf spektakuläre Weise ins Werratal gelant

Im Panzer durch den Zaun: Hans-Joachim Heim flüchtete aus der DDR

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Sorgte in Heringen für Aufsehen: Der Schützenpanzerwagen, mit dem Hans-Joachim Heim am 28. Juni 1963 bei Heringen den Grenzzaun durchbrochen hat. Das Foto entstand am Café Küchenmeister am Friedrich-Ebert Platz.

Heringen. Irgendwo in der Werraaue zwischen Dankmarshausen, Dippach, Widdershausen und Leimbach muss es gewesen sein. Genau erinnern kann sich Hans-Joachim Heim aber nicht mehr.

Als der heute 76-Jährige vor mehr als 53 Jahren zum letzten Mal hier im Werratal war, sicherte ein Stacheldrahtzaun die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten. Heim, damals 23 Jahre alt und Gefreiter bei den Grenztruppen der DDR, sitzt am 28. Juni 1963 gegen 14 Uhr am Steuer eines Schützenpanzerwagens und hält geradewegs auf den Stacheldraht zu. Mit an Bord sind zwei seiner Kameraden.

Der gelernte Kraftfahrer stammt aus der Küstenstadt Stralsund. Als er zum Wehrdienst eingezogen wird, möchte er am liebsten zur Marine. Stattdessen wird er zum Grenzregiment nach Eisenach abkommandiert ist nach der Grundausbildung direkt an der Trennlinie zwischen beiden deutschen Staaten stationiert. Wo genau, weiß er allerdings nicht mehr. Am Berg und mitten im Wald habe die Kaserne gelegen, berichtet Heim, als er sich gemeinsam mit Ehefrau Johanna und dem Leiter des Heringer Kali-Museums, Herrmann-Josef Hohmann, auf Spurensuche begibt. Ein Kalischacht sei in der Nähe gewesen, erinnert sich der 76-Jährige. Ortsnamen wie Vitzeroda, Dippach und Dankmarshausen kommen ihm noch bekannt vor.

"Das System hat nicht funktioniert"

An der Staatsgrenze West darf Hans Joachim Heim Dienst tun, weil er keine Verwandten im Westen hat und damit aus Sicht der DDR-Oberen keine Fluchtgefahr besteht. Was seine Vorgesetzten nicht wissen: Schon als 18 Jähriger hat er in Berlin heimlich die Grenze zum Westteil überquert. In der DDR hält ihn nicht mehr viel: „Ich habe gemerkt, dass das ganze System nicht funktioniert“, erklärt er. Gemeinsam mit zwei seiner Kameraden schmiedet er den Fluchtplan.

Einer der beiden steuert als Busfahrer regelmäßig die Außenposten an, wenn die Grenzsoldaten etwa zum Kulturabend nach Eisenach gebracht werden, der andere ist der Fahrer des Kommandeurs. Für die drei Gefreiten ist es die letzte Gelegenheit: „Drei Monate später hätte unser Wehrdienst geendet und wir wären nicht mehr so dicht an die Grenze herangekommen“, verdeutlicht Hans-Joachim Heim. Einen ersten Fluchtversuch müssen die Männer jedoch abbrechen – aus Angst, entdeckt zu werden.

Heim an der selben Stelle mit Ehefrau Johanna, Museumsleiter Hermann-Josef Hohmann und Bürgermeister Daniel Iliev.

Im zweiten Anlauf gelingt die Flucht. Bei seinen Einsätzen an der Grenze hat Heim eine geeignete Stelle ausgekundschaftet: Einen eigentlich sumpfigen Grenzabschnitt, in dem keine Minen liegen, weil diese vom Hochwasser weggeschwemmt werden könnten. In diesem trockenen Sommer ist das Gelände aber befahrbar.

Kurz nachdem der Panzerwagen den Grenzzaun durchbrochen hat, werden die Flüchtlinge von den Grenzschützern im Westen in Empfang genommen. In ihrem Stützpunkt im Osten sei die Flucht allerdings erst zwei Stunden später bemerkt worden, berichtet Heim. In Heringen sind die drei DDR-Grenzer mit ihrem Fahrzeug die Attraktion schlechthin.

„Der Wagen sollte nach Kassel überführt werden, aber niemand im Westen kam mit der Technik zurecht“, erinnert sich der 76-Jährige. Also musste Hans-Joachim Heim nochmal selbst ans Steuer. „Wir hatten in einer Heringer Wirtschaft allerdings schon ordentlich was getrunken“, erzählt er schmunzelnd.

Begleitet von einer Polizeieskorte mit eingeschaltetem Blaulicht ging es über Bad Hersfeld nach Kassel. Seines Wissens sei der Panzerwagen später an die DDR zurückgegeben worden. Gemeinsam mit einem seiner Kameraden ging Hans-Joachim Heim nach Stuttgart. Dort arbeitete er zunächst als Motorenrüfer bei Mercedes, machte sich dann als Spediteur für die Autoindustrie selbständig. In Schwaben lernte er auch seine Frau Johanna kennen.

Das Paar lebt heute in Altbach im Landkreis Esslingen. Beide mit ihm geflüchteten Kameraden sind mittlerweile verstorben. Angst, dass einer von ihnen die Fluchtpläne als Spitzel verraten könnte, habe er damals nicht gehabt: „Wir kannten uns ja seit der Grundausbildung.“ Auf die Frage, ob er seine Flucht jemals bereut habe, antwortet der 76-Jährige ohne zu zögern: „Nicht eine Sekunde.“

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