Ensemble Theatrum Hohenerxleben spielte in der Jakobikirche

Ein Nathan mit Herz und Hirn: Lessings Stück in Rotenburg

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Mann und Frau ist dieser Nathan: Er wird von Friederike v. Krosigk und ihrem Kollegen Hubertus v. Krosigk gespielt, beide zusammen geben dieser entscheidenden Figur noch größere Wirkkraft. Der christliche Tempelherr wurde von Stefan Biedermann übernommen. Des persische Sultan Saladin wurde von dem iranischen Musiker und Darsteller Vahid Shahidifar gespielt. 

Rotenburg. Welcher ist der wahre Gott? Welche ist die wahre Religion? „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing stellt die Frage nach Toleranz und gutem Handeln jenseits religiöser Ideologisierung.

Das Ensemble Theatrum Hohenerxleben inszenierte die Kernbotschaften des Stückes am Sonntag in der Rotenburger Jakobikirche vor einem begeisterten Publikum. Es war eine weitere Veranstaltung in der Reihe „Religionen auf dem Weg zum Frieden“, wie Pfarrer Michael Dorfschäfer eingangs erwähnt hatte.

In Anbetracht der politischen Weltlage, in der der Kampf der Religionen sich in menschenverachtendem Terror ebenso entlädt wie in dumpfen Ängsten und Vorurteilen, ist die Wiederbegegnung mit Lessings Toleranzparabel eine hochaktuelle, spannende Angelegenheit. Alle großen Religionen postulieren in ihren Schriften Frieden, Barmherzigkeit und Nächstenliebe als Grundlagen friedlichen Zusammenlebens.

Berühmte Ringparabel

Lessings „Nathan“ hat nichts an Aktualität eingebüßt. Er verlegte sein Stück ins 12. Jahrhundert, in das von Muslimen besetzte Jerusalem. Der Jude Nathan hat seine Familie verloren. Sie wurde von Christen ermordet. Bei Nathan lebt ein Findelkind, ein Christenmädchen, das er als seine Tochter Recha im jüdischen Glauben großzieht. Sie wird von einem jungen Christen, einem Tempelherrn, aus ihrem brennenden Haus gerettet.

Höhepunkt des „Nathan“ ist die berühmte Ringparabel, die der reiche jüdische Kaufmann Nathan erzählt: Sie soll die hintergründige Frage des Sultans Saladin beantworten, welche der drei Religionen die wahre sei. Nathans Antwort ist die Forderung nach einem gleichberechtigten Nebeneinander aller Religionen.

Das hoch motivierte vierköpfige Ensemble aus Sachsen-Anhalt stellte sich mit Hirn und Herz in den Dienst des Stückes, da gab es keine Moden und Mätzchen, keine krampfhaften Gags oder Zwangsaktualisierungen. Die Szenerie war karg, kaum Requisiten. Geschichte und Sprache Lessings blieben unangetastet. Jede Figur wurde trotz oder gerade aufgrund eines Minimums an Bühnenbild charakterstark dargestellt: ein Tempelherr, der anfangs engstirniger und später nachgiebiger nicht sein konnte, eine Recha, die mit Witz und Klugheit überzeugte, und ein Nathan der so tolerant und gutherzig war, dass man es beinahe nicht glauben konnte.

In eindringlichen Szenen gelang es dem Ensemble, die Kernbotschaften des Stücks plausibel zu machen: die Liebe zwischen den Menschen, eine tiefe Humanität und religiöse Toleranz.

Besonders beeindruckte diese Inszenierung mit glasklaren mehrstimmigen Gesängen und Instrumentalstücken. Gespielt und gesprochen wurde hervorragend, der Kern dieser Hoffnung der Aufklärung leuchtete. Begeisterten Applaus gab es dafür zu Recht zum Schluss.

Von Susanne Kanngieser

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