Ein neuer Arm für Salem: Libyer bekam im HKZ Rotenburg Prothese

Rotenburg. Der Libyer Salem Saad hat seinen Arm im Bürgerkrieg verloren. Im Herz- und Kreislaufzentrum hat er eine Prothese bekommen, die er durch nur zwei Muskeln bewegen kann.

Salem Saad starrt konzentriert auf die künstliche Hand, als könne sein Blick die Prothese in Bewegung setzen. Dann bewegen sich die dunklen Finger tatsächlich und greifen eine rote Wäscheklammer. Salem lächelt.

Ärzte, Therapeuten, Orthopädietechniker, Saads Dolmetscher - sie alle staunen. Denn zur Bedienung der Armprothese bleiben Salem Saad nur zwei Muskeln im Stumpf des rechten Oberarms.

Mehr als zwei Jahre ist es her, da schlug eine Rakete in nur 15 Metern Entfernung von Salem Saad ein. Der heute 50-Jährige, Vater von fünf Kindern, kämpfte im libyschen Bürgerkrieg auf der Seite der Rebellen. Die Detonation riss seinen Arm weg. Was Saad nach der Operation blieb, war nur ein Stumpf. Im November vergangenen Jahres kam Saad ins Rotenburger Herz- und Kreislaufzentrum (HKZ), wo seit längerem Verletzte des libyschen Bürgerkriegs behandelt werden.

Die noch vorhandene Muskulatur hatte sich stark zurückgebildet, berichten Matthias Pfetzing, Ergotherapeut, und Alexander Knierim, Physiotherapeut in der Klinik für orthopädische Reha im HKZ. Von nun an arbeiteten sie emsig mit dem Libyer und trainierten die Muskeln.

Es habe sich die Frage gestellt, was für eine Prothese überhaupt infrage komme, erklärt Jens Gärtner von der technischen Orthopädie Rotenburg. Hier wurde schließlich in Zusammenarbeit mit anderen Herstellern Saads künstlicher Arm geschaffen. Auf der Haut aufliegende Sensoren messen An- und Entspannung zweier Muskeln im Oberarmstumpf, des Pectoralis und des Serratus. Sie erlauben dem Libyer drei Bewegungen: Der Unterarm lässt sich beugen und drehen, die Hand kann greifen.

Matthias Pfetzing hat nur Lob für seinen ehrgeizigen Patienten, der übt und übt und am liebsten mit der Prothese schliefe, wäre sie nicht so schwer. Sogar nachts schlich sich Saad in den eigens für die libyschen Patienten eingerichteten Therapieraum und trainierte die Motorik mit Ringen und Wäscheklammern.

Für Dr. Uli Fülle, Chefarzt der Klinik für orthopädische Reha, ist eine solche Prothese ein Novum. „Es ist spannend, was wir erreicht haben“, sagt er. Die Prothese hat rund 100.000 Euro gekostet und wurde vom libyschen Staat finanziert.

In wenigen Wochen wird Saad nach Libyen zu seinen beiden Frauen und den fünf Kindern zurückkehren. In seinem alten Beruf als Automechaniker wird er nicht mehr arbeiten können. Auch sein Traum, wieder ein Fahrzeug zu lenken, wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Trotzdem ist Saad glücklich und dankbar für seinen neuen Arm. Auf den kleinen Finger hat er einen schmuckvollen Ring gesteckt.

Von Achim Meyer

Rubriklistenbild: © Meyer/HNA

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.