Der Festspiel-Intendant spricht über die Halbzeit-Bilanz des Theater-Sommers

Dieter Wedel im Interview: „Schluss mit dem Kurfürsten-Gehabe“

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Der Intendant im Kreise seiner Lieben: Wie schon sein Vorgänger Holk Freytag hat auch Dieter Wedel Fotos seines Festspiel-Ensembles an der Pinnwand in seinem Büro. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Halbzeit im Festspielsommer: Eine erste Zwischenbilanz der Spielzeit zieht Intendant Dieter Wedel im Interview mit Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz.

Herr Wedel, sind Sie mit dem bisherigen Verlauf der Festspiele zufrieden?

Dieter Wedel: Ja, denn die Akzeptanz der Stücke und die Besucherzahlen sind durchaus sehr positiv. Aber natürlich gibt es immer noch etwas, was verbessert werden kann, vor allem auch im organisatorischen Bereich. Erleichtert und glücklich bin ich, dass ein so anspruchsvolles, ernstes Stück wie „Hexenjagd“ bei den Abendvorstellungen nahezu ausverkauft war. Es ist natürlich ein Risiko, einen so politisch brisanten Stoff im Sommertheater zu präsentieren. Aber ich glaube, dass die Zuschauer gemerkt haben, dass das Stück sie persönlich etwas angeht.

Und die anderen Stücke? 

Wedel: Über „Krabat“ bin ich sehr happy, auch wenn uns leider einige Schulen ein wenig im Stich gelassen haben. Da haben wir mit viel mehr jungen Besuchern gerechnet. Die Abendvorstellungen allerdings waren ausverkauft, darum zeigen wir es ja noch zweimal am Abend Ende August. Bei „My Fair Lady“ merkt man, dass es auf dem Stück eines großen Schriftstellers basiert, Georg Bernhard Shaw. Dazu die wunderbare Musik und großartige Darsteller wie Sandy Mölling, Cusch Jung, Ilja Richter und Gunther Emmerlich. Gerade bei diesem Stück war es mir wichtig, dass die Darsteller nicht nur gut singen, sondern genauso gut spielen können. Was man bei „My Fair Lady“ braucht und was wir haben, sind singende Schauspieler.

Dann bleibt noch das Märchen ... 

Wedel: Auch das Märchenstück im neuen Theaterzelt an der Stiftsruine ist sehr gut angekommen. Mir hat gefallen, dass sich dabei die Kinder amüsieren konnten, träumen konnten und ernst genommen wurden.

Das klingt alles sehr positiv, gibt es auch Defizite? 

Wedel: Natürlich. Aber zunächst mal können wir doch feststellen, dass die Festspiele bisher beim Publikum überaus gut angekommen sind. Das sieht man zum Beispiel auch an der großen Resonanz auf unser Sommerfest am vergangenen Wochenende. Aber manches muss noch reibungsloser laufen, einiges muss strenger kontrolliert werden. Trotzdem braucht Theater auch markante Figuren, die nicht nur funktionieren, sondern auch mal Sand ins Getriebe streuen.

Mit dem Vorsitzenden der Freunde der Stiftsruine, Helgo Hahn, haben Sie sich kürzlich auf offener Bühne einen Schlagabtausch geliefert. Ist das der Sand im Getriebe, den Sie meinen? 

Wedel: Ja. Er meinte, mir ein paar Ratschläge geben zu müssen. Die nehme ich auch gern entgegen – ob ich sie befolge, ist eine andere Sache. Von sponsorengesteuertem Theater zu sprechen, das ist aber einfach Unsinn. Ich habe mir noch nie von Sponsoren etwas vorschreiben lassen.

Helgo Hahn hat – wie viele andere – kritisiert, dass es bei Ihnen ein Schauspiel weniger gibt, als das früher der Fall war. Nehmen Sie diese Kritik an? 

Wedel: Ja, ich möchte sehr gern ein weiteres Schauspielstück in die Ruine bringen. Ich habe auch immer gesagt, dass das Gewicht auf dem Schauspiel liegen wird.

Natürlich ist das Musical – dank der guten Arbeit von Christoph Wohlleben – in Bad Hersfeld inzwischen ein Marke, denn es hat eine gleichbleibend hohe Qualität und bringt einen Grundstock an Zuschauern, die immer zu den Festspielen kommen. Wir müssen jetzt erreichen, dass auch das Schauspiel zu so einer Marke wird.

Greifen Sie deshalb zuweilen so vehement in Stücke Ihrer Kollegen ein?

Wedel: Ja, das ist die Aufgabe eines Intendanten, auch wenn es furchtbar ist, beispielsweise Stücke kurz vor der Premiere kürzen zu müssen, weil sonst der technische Gesamtablauf der Festspiele gefährdet wäre. Ich mische mich aber nicht nur bei den Inszenierungen ein, sondern mache auch Vorschläge für die Besetzung aller Stücke.

Allerdings hatten wir die Premieren in diesem Jahr zu eng hintereinander geplant – aus Rücksichtnahme auf die Schulen und die Ferien, aber auch auf die Fußball-EM. Das hat unsere Mitarbeiter, ob auf der Bühne, hinter der Bühne oder in den Büros bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit strapaziert. Trotzdem kämpfen alle unermüdlich weiter für die Festspiele. Auf diese Mitarbeiter bin ich stolz! Wir sollten nicht auf der Bühne versuchen, die Welt etwas menschlicher zu machen, und hinter den Kulissen die Mitarbeiter ganz unmenschlich zu überlasten.

Menschlichkeit hin oder her: Sie haben das letzte Wort und sind der große Chef, der alles bestimmt?

Wedel: Glauben Sie das bloß nicht! Wir sind ein kreatives Team. Dazu gehört meine Sprecherin Monika Liegmann, mit der ich mich auch mal heftig streite. Das ist notwendig, um die Argumentation der anderen Seite zu begreifen. Auch Joern Hinkel ist beileibe nicht so zurückhaltend, wie er oft wirkt. Er mischt sich auch bei meinen Stücken ein. Er hat zum Beispiel im vergangen Jahr eine Fehlbesetzung von mir energisch korrigiert.

Auch andere Kollegen in Bad Hersfeld gehören zu diesem Kreativ-Team. Ich finde es toll, dass alle offen mit mir reden. Wenn ich das nicht mehr ertrage, fängt der Untergang an!

Im Moment ist Bürgermeisterwahlkampf in Bad Hersfeld und alle Kandidaten halten sich mit Kritik an den Festspielen zurück ... 

Wedel: ... und das finde ich auch toll, dass sich alle Kandidaten und auch die anderen Parteien, an diese Vereinbarung halten.

Trotzdem brodeln hinter den Kulissen die Gerüchte. Es ist von einem Defizit in Millionenhöhe die Rede, was nicht an zu wenigen Zuschauern, sondern an zu hohen Ausgaben liegen soll. Was ist daran?

Wedel: Ich weiß nichts von einem Defizit in Millionenhöhe. Als Land und Bund die Zuschüsse im vorigen Jahr erhöht haben, war damit die Auflage verbunden, dass die Stadt im Gegenzug nicht ihre Zuschüsse senkt. Das hat sie aber getan. Wir sind von 300 000 Euro mehr ausgegangen. Ohnehin ist in diesem städtischen Zuschuss ein Sockelbetrag an festen Kosten enthalten, den die Stadt auf jeden Fall aufbringen müsste, egal ob Festspiele stattfinden oder nicht. Das müsste eigentlich aus dem jährlichen städtischen Zuschuss herausgerechnet werden. Außerdem sollte man mal aussprechen, was die Festspiele der Stadt bringen. Zum Beispiel die vielen auswärtigen Besucher, die hier Geld ausgeben. Dieses Kurfürstengehabe, wir gewähren den Festspielen einen Zuschuss so von oben herab, schafft einen falschen Eindruck bei der Bevölkerung.

So hatten auch Holk Freytag und seine Unterstützer argumentiert und stets auf die Umweg-Rentabilität verwiesen ... 

Wedel: Da hatten sie Recht. Genau das möchte ich endlich wissenschaftlich untersuchen lassen. So eine Studie gab es auch in Worms. Allein die überregionale Berichterstattung, in Funk, Fernsehen und anderen Medien ist ja zugleich eine unbezahlbare Werbung für die Stadt. Gerade im Bereich des Marketing müsste Bad Hersfeld noch viel mehr tun. Diese hübsche Stadt mit ihren schönen Parkanlagen, den wunderbaren Wanderwegen, den schönen Geschäften, Restaurants und Cafés könnte sich noch viel besser verkaufen. Es fehlt an einem professionellen Marketing.

Schauen wir auf die nächste Spielzeit: Sie wollten immer ein Stück über Luther machen. 2017 ist das Luther-Jahr. Gibt es also ein Luther-Stück? 

Wedel: An einem solchem Stück bin ich sehr interessiert und dazu auch mit einem renommierten Bühnenautor im Gespräch. Ich selber habe natürlich auch etliche Überlegungen dazu. Mich interessiert vor allem, warum sich nicht schon längst einer der großen deutschen Schriftsteller an diesen Stoff gewagt hat? Warum gibt es kein Luther-Stück von Schiller oder von Hebbel? Deshalb frage ich mich auch, ob ich so vermessen sein darf, ein Stück über Luther zu machen?

Und wie steht es mit einer Wiederaufnahme von „Hexenjagd“ und „My Fair Lady“? 

Wedel: Ja, beide Stücke möchte ich im nächsten Jahr wieder spielen. Sowohl das „Hexenjagd“-Ensemble als auch das Ensemble von „My Fair Lady“ möchte wiederkommen. Sie alle haben die Festspiele lieb gewonnen. Aber natürlich müssen wir jetzt erst mal darüber verhandeln.

Bei einigen langjährigen Festspielbesuchern und -fans stößt es übel auf, dass einige Laudatoren so tun, als hätten erst Sie das Licht nach Bad Hersfeld gebracht, weil es hier vor Ihnen hier nur Bauerntheater gab. Ist das nicht auch etwas übertrieben? 

Wedel: Völlig übertrieben und trifft auch nicht zu. Holk Freytag und Elke Hesse haben mich gefragt, warum mit dem Lob für das gerade Gegenwärtige das Vorangegangen gleich niedergemacht werden muss? Das ist doch wirklich nicht nötig. Alles basiert auf dem Vorangegangenen, denn das ist das Prinzip der Kunst überhaupt. Nichts kann ohne Vorgänger existieren. Wir nähren uns von deren Salzen. (ks/kai)

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