Musik im Seniorenheim ist seine Passion

Sehbehindert und nur ein Bein: Wilhelm Orth trotzt seinem Schicksal

Wilhelm Orth (links) und Heinz Vorbach (rechts) musizieren im Seniorenzentrum in Ludwigsau-Reilos. Foto: Knierim

Reilos. Der Unterschied zwischen einem Musiker und einem Musikanten ist einfach erklärt: Während Ersterer sich auf die Noten verlässt, spielt der Musikant rein intuitiv. Auch der 74-jährige Wilhelm Orth vertraut als einbeiniger Blinder auf sein musikalisches Gefühl, nun möchte er auch Andere animieren, sich nicht von einer Krankheit unterkriegen zu lassen.

Im Alter von 32 Jahren brach bei Orth das Marfan-Syndrom hervor, ein Gendefekt, der das Bindegewebe befällt, und führte zunächst zur Blindheit. Nach einer Umschulung arbeitete er fortan bis zur Rente als Physiotherapeut. Im Jahr 2015 schlug die Krankheit erneut zu: Eine Arterie platzte, danach musste das rechte Bein amputiert werden. Dank einer Prothese bleibt er fortan mobil. „Solang ich mich bewegen kann, mache ich Musik“, verspricht Orth zuversichtlich und fügt hinsichtlich seinem stets offenen Umgang mit der Krankheit hinzu: „Behinderte sollen aus ihrem Schneckenhaus kommen!“. Ein Grundsatz, nach dem er selbst jeden Tag lebt.

Er lernt italienisch, bewegt sich beinahe mühelos mit dem Rollator und in der heimischen Küche in Neuenstein geht er seiner Frau auch ohne Augenlicht tatkräftig zur Hand. Neben Gitarre und Schlagzeug brachte er sich mit 56 Jahren selbst bei, die Steirische Harmonika zu spielen. „Ein Exot“, wie Orth das Instrument selber beschreibt, das er samt elektronischem Zubehör wie seine Westentasche kennt.

Gemeinsam mit Schlagzeuger Heinz Vorbach musiziert „Weit Over Fifty“, wie sie sich selbst scherzhaft bezeichnen, seit nunmehr zehn Jahren. Krankheitsbedingte Unterbrechungen, wie Wilhelm Orths einmonatiger Aufenthalt im Reiloser Seniorenheim, gehören zwar leider dazu, führten aber auch zu einem Versprechen: Nicht zum Krankenaufenthalt, sondern zum Musizieren komme er wieder. Orth hielt Wort.

Und obgleich die Krankheit weiter fortschreitet, freut es ihn nun umso mehr, dass er vor rund 50 Zuhören spielen kann. Selbstverständlich ist das nicht, aber aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Nur das zählt.

Von Gabriel Knierim

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