Wertvoller Kratzputz an Scheune in Großropperhausen wurde restauriert

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Feinarbeiten auf dem Gerüst: Restaurator Oliver Raupach bessert die schadhaften Stellen an der Giebelseite der Scheune in der Knüllstraße in Großropperhausen aus. Die Denkmalpflege spricht von einer herausragenden Bedeutung dieser Kratzputzfläche.

Großropperhausen. Der Kratzputz könnte immaterielles Kulturerbe werden: Eine der größten zusammenhängenden Flächen in Nordhessen gibt es noch an einer Fachwerkscheune in Großropperhausen, die wurde jetzt restauriert.

Das Verfahren 

Und das gleicht einem chirurgischen Eingriff: Oliver Raupach zieht Wasser in der großen Einwegspritze auf, vorsichtig befeuchtet der Göttinger Restaurator mit Hilfe der Spritze den Hohlraum hinter der Putzfläche. Anschließend soll Kalkmörtel Lehm und Putz wieder miteinander verbinden. Gefach für Gefach untersuchen die Experten an der Giebelseite der Scheune in der Knüllstraße. Die Schäden werden auf diese Weise behandelt, herausgebrochene Stellen einfach verputzt und angeglichen.

Der Stellenwert 

Experten: Ernst Groß und Rainer Scherb vor der Scheune. In den dunkleren Gefachen ist der Kratzputz erhalten geblieben.

Raupachs Kollege Rainer Scherb klettert mit Ernst Groß, der die beiden Fachleute von Seiten der Großropperhäuser Dorfgemeinschaft unterstützt, vom Gerüst. Scherb kommt ins Schwärmen, wenn er vom Kratzputz spricht. Mit Reisigbündeln, Nagelbrettern, Holzstempeln und anderen Werkzeugen modellierten ursprünglich die Handwerker den noch feuchten Putz an der Oberfläche, es entstanden zum Beispiel Muster, Figuren und florale Motive.

Scherb ist ausgewiesener Experte für Kratzputz und hat für die Region die noch bestehenden Flächen katalogisiert. Das bestätigt beim Ortstermin in Großropperhausen Hessens oberster Denkmalpfleger, Prof. Dr. Peer Zietz. Unbestritten sei die Scheunenwand die größte zusammenhängende Fläche im Landkreis, sagt auch Klaus Ganz, von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises. „Die Großropperhäuser Kratzputzfelder sind sowohl von der Qualität als auch von der Ausführung sowie im Erhaltungszustand für Nordhessen von herausragender Bedeutung“, attestiert die Denkmalpflege.

Die Belastungen 

Scherb bescheinigt dem Kratzputz eine große Widerstandsfähigkeit. „Mancher ist froh, wenn der Putz an seinem Haus 30 Jahre hält, dieser Kratzputz besteht schon weit mehr als 200 Jahre.“ Und das obwohl die Giebelseite der Fachwerkscheune insbesondere in den jüngsten Jahrzehnten durch den durch das Dorf rollenden Lkw-Verkehr, den der dortige Steinbruch mit sich bringt, erheblichen Belastungen ausgesetzt ist.

Prof. Dr. Peer Zietz

In die Aufmerksamkeit rückte das Kleinod, das sich in Privatbesitz befindet, mit der Gestaltung des inzwischen fertiggestellten Dorfplatzes gleich nebenan, erzählt Ernst Groß. Ehrenamtliche hatten von dort aus an der Traufseite der Scheune neue Kratzputzflächen geschaffen, da dort historisch wertvolle so gut wie gar nicht mehr vorhanden waren.

Stichwort 

Im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes befinden sich laut Deutscher Unesco-Kommission derzeit 34 Einträge. Das Verzeichnis soll langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen machen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. Zu den Ausdrucksformen gehören Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste.

Mit seiner Bewerbung konkurriert der Kratzputz unter anderem mit der Odenwälder Elfenbeinschnitzerei und dem Segelflug auf der Wasserkuppe.

Hintergrund 

Der Kratzputz stammt angeblich laut Internetlexikon Wikipedia aus Hessen, zumindest gibt es viele Belege dafür, dass der erste Kratzputz hier bereits um 1500 aufkam. Die Kratzputztechnik gilt als baugestalterische Tradition, die hauptsächlich vom 17. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts angewendet wurde. Handwerker modellieren und verzieren mit unterschiedlichen Werkzeugen den feuchten Putz und gestalten so Figuren, Blumen, Symbole und andere grafische Formen. Die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg bei Fulda beantragte 2014 die Aufnahme dieser Technik in die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland.

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