Drei Kinder ertrunken

Der Tag nach dem Unglück in Neukirchen:  "Unmögliches Leid"

Neukirchen. Stille liegt über Seigertshausen im Schwalm-Eder-Kreis. Nur die Kirchenglocken läuten. In der Kirche gedenken die Menschen drei kleiner Kinder, die wenige Stunden zuvor, am Samstagabend, im Löschteich der Gemeinde ertrunken sind.

Drei Kerzen entzündet der Pfarrer in der evangelischen Kirche in Seigertshausen für drei tote Kinder. "Dieser Morgen ist so ganz anders als der Morgen, den wir uns wünschen", sagt Reinhard Keller in seiner Sonntagspredigt in dem 700-Einwohner-Ort in der Schwalm. Am Vorabend waren im Löschteich, nur wenige Fachwerkhäuser entfernt, fünf, acht und neun Jahre alte Geschwister ertrunken. "Unmögliches Leid" habe sich auf das Dorf gelegt, sagt der Pfarrer.

Im Haus der Familie haben sich die Angehörigen versammelt. Das Gebäude steht nur etwa 300 Meter entfernt vom Teich. Einige sagen, dass sie es nicht verstehen können, dass der Teich nicht eingezäunt ist. Sie fordern, dass er nun nachträglich durch einen Zaun gesichert wird - damit ein solches Unglück wie das am Samstagabend nicht noch einmal passiert.

Auch die Gottesdienstbesucher sind an diesem Morgen tief getroffen. "Die Oma sitzt drinnen, die ist fix und fertig", sagt eine Frau in weißer Strickjacke vor der Kirche. "Es tut einem ja so leid, so leid", sagt eine andere Frau. Sie wohnt direkt an dem Teich und hat am Abend das Blaulicht der zahlreichen Feuerwehr-, Polizei- und Rettungsfahrzeuge gesehen. "Ich dachte gleich: Da ist ein Unfall", sagt sie.

Im Dorf herrschen Fassungslosigkeit und tiefe Trauer. Am Nachmittag kommen immer mehr Menschen an den Steg, wo die leblosen Kinder aus dem Wasser gezogen wurden, und legen Blumen ab oder zünden Kerzen an. Auch mehrere Kamerateams des Fernsehens fahren vor.

Helmut und Elisabeth Fritsch wohnen direkt gegenüber vom See. „Man kann das gar nicht fassen“, sagt die 76-Jährige. Sie und ihr Mann hatten am Abend Fußball geschaut. Erst als die Rettungskräfte kamen, merkten sie, dass etwas nicht stimmt. Der Teich sei schon immer beliebt zum Spielen gewesen, berichtet das Ehepaar, das seit über 50 Jahren dort wohnt. Es sei noch nie etwas passiert. Dennoch habe sie die eigenen Kinder, als sie noch klein waren, nie allein an den Teich gelassen, sagt die vierfache Mutter. „Ich hatte Angst, dass etwas passiert.“ Nun hat sie am Samstagabend die aufgelösten Eltern der verunglückten Geschwister gesehen. „Ich weiß nicht, ob man so was verkraften kann“, sagt die Rentnerin und schüttelt den Kopf.

Wie die Kinder in den etwa 40 Meter breiten Teich gerieten, ist laut Polizei zunächst unklar. Das Ufer ist mit Steinen befestigt, steil und nach dem vielen Regen der vergangenen Wochen rutschig. Auf einem Schild steht: "Teichanlage. Betreten auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder."

Anwohner hatten zunächst den Fünfjährigen bewusstlos aus dem Wasser gezogen. Doch jede Hilfe kam für ihn zu spät. "Wir haben die anderen zwei Kinder gesucht, weil die noch fehlten, die Polizei und auch Anwohner im Ort. Wir haben überall gesucht im Ort, in den Gärten, in den Gassen, in der Annahme, die wären weggelaufen", sagt die Besitzerin des Landgasthofs "Jägerhof".

Drei Geschwister in Feuerlöschteich ertrunken

Zeitgleich werden rund um den See Scheinwerfer aufgestellt. Taucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) steigen ins Wasser. Sie finden schließlich die Leichen der beiden Kinder. "Das ganze Dorf steht unter Schock, die Stimmung ist eine Katastrophe", sagt die "Jägerhof"-Besitzerin.

Am Tag liegt der Teich wieder still. Frösche quaken, auf den Bäumen am Rand singen Vögel. Eine benachbarte Beachvolleyball-Anlage und ein Vereinsheim liegen verwaist. Zwei Männer kommen im Auto, laufen durch das feuchte Gras. Sie gehören zu der großen Familie der Toten, die aus ganz Deutschland anreist.

Seigertshausen, das heute zu Neukirchen gehört, ist ein historisch gewachsenes Dorf. Schon 1196 wurde es urkundlich erwähnt, viele Familien bauen noch Gerste, Weizen oder Raps an. Rehe springen durch die angrenzenden Wälder und es gibt eine Trachtengruppe, eine Burschenschaft, einen Wanderverein und einen evangelischen Frauensingkreis. Hier kennt jeder jeden.

Die Familie sei erst vor einem Jahr hergezogen, sagt Bürgermeister Clemens Olbrich. Die Kinder waren Muslime. Pfarrer Keller betont in seiner Predigt, das Dorf helfe der Familie, "die in dieser Stunde Unsägliches durchmacht". Die Last, die auf dem Dorf liege, werde zusammen getragen. "Egal, woher sie kommen, egal welcher Konfession oder Religion sie angehören."

Rubriklistenbild: © Rudolph

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