Ein Motorroller galt als Tauschobjekt für Goldkette

Wegen Erpressung vorm Amtsgericht Schwalmstadt: Opfer in Handschellen

Treysa. Wegen Erpressung musste sich ein 35-Jähriger aus dem Altkreis Ziegenhain vor dem Amtsgericht Schwalmstadt verantworten.

Nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ folgte das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts. Und beendete damit ein Verfahren, das schon kurios begonnen hatte mit einem Freispruch.

Denn während das vermeintliche Opfer mit Handschellen gefesselt und in Begleitung von Polizisten den Zeugenstand betrat, saß der Angeklagte entspannt neben seinem Verteidiger.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem 35-jährigen Arbeitssuchenden vorgeworfen, im Dezember 2015 durch Androhung körperlicher Gewalt von einem Bekannten einen Motorroller inklusive aller Papiere erpresst zu haben. Der Roller sei nach einer Anzeige noch am selben Abend von der Polizei bei der Ex-Frau des Angeklagten sichergestellt worden. Im Namen seines sehr muskulös wirkenden Mandanten verlas der Verteidiger eine Stellungnahme.

Ursächlich für den Vorfall sei eine verlorene Goldkette im Wert von 400 Euro gewesen. Sein Mandant habe den 26-Jährigen mit dem Verlust des Schmuckstücks konfrontiert und plötzlich hätte der Mann das Zweirad gewissermaßen als Kompensation angeboten, erklärte der Jurist: „Von einer Aufforderung, den Motorroller zu übergeben, war nie die Rede.“

Sein Bekannter habe ihm das Fahrzeug freiwillig dagelassen, betonte der Angeklagte auf Nachfrage des Richters: „Und dann läuft er plötzlich zur Polizei. Ist ja komisch.“

Die Geschichte habe bei ihm zuhause angefangen, erzählte das 26-jährige vermeintliche Opfer im Zeugenstand des Amtsgerichts. Der 36-Jährige habe bei ihm übernachtet und dabei sei wohl die Goldkette verloren gegangen: „Er hat wohl gedacht, die habe ich geklaut.“

Bei der Aussprache am Tattag hätte der 35-Jährige ihn dann mit dem Diebstahlsvorwurf konfrontiert und mit einer gewissen Aggressivität die Rückgabe der Kette verlangt, so der 26-Jährige. Da er nur noch aus der Situation fliehen wollte, habe er seinen Roller dagelassen.

Im weiteren Verlauf stellte sich heraus, dass der 26-Jährige wohl unter Verfolgungswahn litt und nach eigener Aussage nicht in der Lage war, Situationen richtig einzuschätzen. Aus diesem Grund habe er den 35-Jährigen angezeigt: „Ich bin so paranoiamäßig zur Polizei.“ Als die Kette auftauchte - sie war dem Angeklagten in das Innenfutter der Jacke gerutscht - sei der Vorfall für ihn erledigt gewesen, sagte der Zeuge: „Er hat sich entschuldigt.“

Da sich die Vorwürfe in der Verhandlung nicht bestätigten, plädierte der Staatsanwalt auf Freispruch. Angesichts der psychischen Erkrankung des Zeugen sei es durchaus möglich, dass sich der 26-Jährige den ganzen Vorfall nur eingebildet habe, so der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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