Buch beleuchtet den Siegeszug der Nationalsozialisten in der Schwalm

+
Wurden im Hochland gefeiert: Ministerpräsiden Hermann Göring und der Oberpräsident von Hessen -Nassau, Philipp Prinz von Hessen, am 8. Juni 1933 in Gilserberg.

Das neue Buch „Nationalsozialismus in der Schwalm“ , initiiert von der C.H.Schmitt-Stiftung, geht der Frage nach, wie es sich erklären lässt, dass der Altkreis eine Hochburg der NSDAP war, wer Unterstützer und Förderer waren und wie mit Gegnern umgegangen wurde.

Ausgehend von Merkmalen der ländlichen Struktur und dem vorherrschend evangelischen Milieu erinnert die Autorin Katharina Stengel an die Tatsache, dass der Kreis bei Reichstagswahlen von 1890 bis 1911 an einen erklärten Antisemiten gefallen ist und urteilt, dass das „untergründige Fortwirken der antisemitischen Mobilisierung“ nicht unterschätzt werden sollte.

Auch an andere Grundüberzeugungen im Kreis - Schutz der althergebrachten Sozialordnung, die Überzeugung von der Überlegenheit der deutschen Rasse, Gefahr des Bolschewismus und drohende Degeneration des Volkskörpers - konnten die Nazis anknüpfen. Neben der bäuerlichen Bevölkerung engagierten sich vor allem Lehrer und Pfarrer für die Partei. Katharina Stengel nennt ausdrücklich den Ziegenhainer Pfarrer Fritz Laabs, ferner den leitenden Arzt von Hephata, Dr. Wilhelm Wittneben. Vor diesem Hintergrund wundert es kaum, dass die NSDAP den Kreis Ziegenhain zum „Hauptangriffspunkt“ erkoren hatte, wobei sie leichtes Spiel hatte.

Häufig kapitulierten Polizei und Behörden vor dem massiven Auftreten der Nationalsozialisten. Die ersten Ortsgruppen der NSDAP entstanden 1929/30 in Wasenberg, Merzhausen, Asterode und Röllshausen. Oberaula machte Hitler schon 1932 zum Ehrenbürger. Der Überfall von SA-Männern auf Sozialdemokraten beim Schafhof und in Loshausen im Februar 1933 offenbarte, dass Polizei, Justiz und der Landrat sich auf die Seite der NSDAP gestellt hatten, die auch in den lokalen Honoratioren, der evangelischen Geistlichkeit und der Presse verlässliche Partner fand.

Das Kapitel über nationalsozialistisches Alltagsleben in der Schwalm thematisiert verschiedene Aspekte des Kultur- und Alltagslebens. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass „die meisten Verbände, Vereine und Institutionen in der Schwalm sich der Gleichschaltung willig oder gar begeistert gefügt“ hatten. Allerdings zeigt auch die ausführliche Schilderung der (gescheiterten) Versuche der NSDAP, die Ziegenhainer Salatkirmes unter ihre Regie zu bringen, dass der Nazifizierung im ländlichen Raum auch Grenzen gesetzt waren.

Die Neuerscheinung stellt einen äußerst wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit dar. Katharina Stengel hat überwiegend mit Akten aus den verschiedensten Archiven und Institutionen gearbeitet und auch die Lokalpresse gründlich ausgewertet. Das macht ihre Publikation besonders wertvoll. Wünschenswert wäre allerdings ein Verzeichnis zumindest der vorhandenen regionalen Literatur gewesen. Auf die Fortführung dieses Projekts der C.H.Schmitt-Stiftung für die Phase 1940 bis 1950 darf man gespannt sein.

Stichwort

„Rassenbiologische“ Fragen wurden in der Schwalm schon früh diskutiert. Die erste evangelische Fachkonferenz für Eugenik (Erblehre) fand 1931 in Treysa statt. Pfarrer Friedrich Happich, Leiter der Hephata-Anstalten, sprach sich für die Verbilligung der Aufwendungen für „Minderwertige und Asoziale“ aus, Dr. Wittneben trat ganz entschieden für die Sterilisierung der „Schwachsinnigen“ ein. Neben vielem Bekannten erfahren wir aus dem vorliegenden Band von der erbbiologischen Erfassung von acht Schwälmer Dörfern durch das berüchtigte Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene, das viel Aufregung hervorrief.

Autorin

Katharina Stengel hat Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. studiert. Von 2002 an war sie als Historikerin am Fritz Bauer Institut tätig. Zwischen 2013 und 2015 hat sie im Auftrag der C.H.-Schmitt-Stiftung in Schwalmstadt über die Schwalm im Nationalsozialismus gearbeitet. Seit 2016 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig mit einem Forschungsprojekt über Opfer-Zeugen in NS-Prozessen. (red)

• Katharina Stengel, Nationalsozialismus in der Schwalm 1930 - 1939, Schüren Verlag, 19,90 Euro

Von Bernd Lindenthal

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.