Vogelkolumne: Dorngrasmücke nach Dürre in Afrika zurück

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Typisch für die Dorngrasmücke: Erkennen kann man den kleinen Vogel am einfachsten an den orange- oder rotbraun leuchtenden Flügeldecken.

Jetzt im September ist eine der besten Gelegenheiten, einige unserer unauffälligsten Vogelarten aus der Nähe zu sehen. Benötigt wird dafür nur ein Gebüsch oder eine Hecke mit beerentragenden Sträuchern.

Oft genügt auch schon ein Holunder mit reichen Beerendolden - und etwas Geduld. Wer dort Position bezieht, wird erstaunt sein, zahlreiche Kleinvögel ein- und ausfliegen zu sehen. Fast immer sind die allbekannten Amseln dabei, in der Feldlandschaft derzeit aber fast sicher auch ein kleiner, recht langschwänziger Vogel mit auffallend orangebraun leuchtender Oberseite, weißer Kehle und dünnem Schnabel - die Dorngrasmücke.

Wie ihre Verwandten, die einfarbig graubraune Gartengrasmücke, die durch die beim Männchen schwarze und bei den Weibchen und Jungen braune Kappe gekennzeichnete Mönchsgrasmücke, die einfarbig bräunlichen Rohrsänger und die winzigen, grünlichen Laubsänger hat sie einen dünnen, länglichen Schnabel. Ein solcher Schnabelbau lässt darauf schließen, dass die betreffende Vogelart von Insekten und im Herbst von Beeren lebt. Die Finken haben einen dicken, hohen Schnabel, mit dem sie die Samen knacken können. Finken sind daher in Beerenbüschen nur zufällig zu finden.

Für Insektenfresser wie die Grasmücken ist die herbstliche Beerenkost überlebenswichtig. Sie ermöglicht die Anlage einer Fettschicht als Reserve, um den bei vielen Arten mehrere tausend Kilometer langen Zugweg nach Afrika zu überstehen.

Wer etwas für Zugvögel tun will, sollte sich daher eine solche Vogeltankstelle in den Garten holen. Geeignet sind neben Schwarzem Holunder vor allem Eberesche, Weißdorn, Schlehe, Roter Hartriegel und Wildrosen, deren Hagebutten sowohl Insekten- wie auch Körnerfressern als Nahrung dienen.

Die Dorngrasmücke hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die zeigt, wie die Bestandsentwicklungen von Vögeln auch globale Zusammenhänge widerspiegeln können. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts trug die Grasmücke ihren wissenschaftlichen Namen, Sylvia communis, zu Recht: sie war tatsächlich kommun, also die häufigste Grasmücke in Mittel- und Nordeuropa. Ende der 1960er-Jahre war die Population fast vollständig verschwunden. Die Rückgänge lagen in vielen Gegenden bei mehr als 90 Prozent. Die Ursache war eine Dürrephase in der afrikanischen Sahelzone, die bis in die 1980er-Jahre anhielt.

Von der Dürre waren 50 Millionen Menschen betroffen. In der ausgedörrten Landschaft fanden auch die Vögel keine Nahrung mehr. Nach mehr als 40 Jahren haben sich die Bestände der Dorngrasmücke wieder erholt und die Art ist ein regelmäßiger Besucher der herbstlichen Vogeltankstellen. Also Augen auf - der kleine Vogel mit der rotbraun leuchtenden Flügeldecken spiegelt ein dramatisches Stück Weltgeschichte.

Von Stefan Stübing

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