Die Herrschaft der NSDAP - neues Buch über Nationalsozialismus im Weserbergland

1. Mai 1932 in Uslar: Die Nazis marschierten auf. Das Bild ziert den Titel des neuen Buches Nationalsozialismus im Weserbergland von Dr. Wolfgang Schäfer und Christoph Reichardt. Foto: Privat/nh

Uslar. Machteroberung und Herrschaft der NSDAP stehen im Mittelpunkt der Studie „Nationalsozialismus im Weserbergland“, die jetzt von Christoph Reichardt (Beverungen) und Dr. Wolfgang Schäfer (Bodenfelde) vorgelegt wird.

Der südliche Solling und die Kleinstadt Uslar bilden einen Schwerpunkt dieser Publikation. Die Verfasser untersuchten gewalttätige politische Auseinandersetzungen in den Jahren der Weimarer Republik und schildern anschaulich die großen Inflationsunruhen des Jahres 1923. Sie machen sich auf die Spuren der NSDAP, die im September 1923 von einem gerade von der Polizei entlassenen jungen Bäcker und einem 18-jährigen Jura-Studenten gegründet wurde.

Immer mehr Zulauf

Christoph Reichardt

Die rechtsradikale Partei und ihre „Sturm-Abteilung“ (SA) blieben jedoch lange Zeit eine eher bedeutungslose Splittergruppe, erhielten gegen Ende der 1920er-Jahre jedoch Zulauf von Männern aus dem „Wehrverband Jungdeutscher Orden“ und anderen nationalkonservativen Vereinigungen. Sie fanden Unterstützung bei zahlreichen Lehrern und protestantischen Pastoren. So war der erfolgreichste Propagandaredner der NSDAP im Solling ein junger Pfarrer aus Wenzen bei Einbeck.

Superintendent fördert Nazis

Als wichtigster Förderer der Nazis im Raum Uslar gilt der angesehene Superintendent Richard Haller, der auch bei NSDAP-Schulungen predigte.

Dr. Wolfgang Schäfer

Bei den Veranstaltungen der politischen Rechten in Bodenfelde trat immer wieder der rhetorisch begabte örtliche Schulrektor Albert Schulze auf. Immer wieder weben die beiden Autoren kleine lokale Fallstudien und Porträts von handelnden Personen in ihre Untersuchung ein.

Sie zitieren aus zeitgenössischen Zeitungsartikeln und anderen Quellen und lassen auch Zeitzeugen ausführlich zu Wort kommen. 29 Biografien von Tätern und Opfern, aber auch von Menschen, die sich einer politischen Katalogisierung entziehen, runden die umfangreiche Arbeit ab.

Christoph Reichardt/Wolfgang Schäfer: Nationalsozialismus im Weserbergland. Aufstieg und Herrschaft 1921 bis 1936,

Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden 2016, 617 Seiten, Preis: 28 Euro.

Es sollte eine Broschüre werden

Die Geschichte des „Dritten Reiches“ beschäftigt die beiden Autoren des Buches „Nationalsozialismus im Weserbergland. Aufstieg und Herrschaft 1921 bis 1936“ seit Jahrzehnten. Christoph Reichardt aus Beverungen und Dr. Wolfgang Schäfer aus Bodenfelde führten mit Zeitzeugen bereits in den 1970er und 1980er-Jahren Interviews. Die Arbeiten am neuen Werk dauerte etwa fünf Jahre.

Christoph Reichardt, 56, Studienrat für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Beverungen, hat unter anderem Deutschen Philologie, Geschichte und Soziologie an den Universitäten Paderborn, Göttingen und Wien studiert. Er veröffentlichte Publikationen vor allem zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Reichardt ist seit 20 Jahren Stadtheimatpfleger in Beverungen, zweiter Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins Beverungen. Reichardt stammt aus Beverungen, wo er nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt jetzt wieder lebt.

Dr. Wolfgang Schäfer, 69, ist im Uslarer Land bestens bekannt, als langjähriger Leiter des Museums- und des Stadtarchivs (1994 bis 2011). Er hat das Museum vor allem mit den beliebten Sonderausstellungen und Publikationen zur Regional- und Sozialgeschichte weit über die Grenzen berühmt gemacht und unter anderem mit Artikelserien in der HNA/Sollinger Allgemeine, für die er auch Autor ist, unter anderem mit der Fußball-Reihe aus der Region einen Preis gewonnen. Der Sozialwissenschaftler, der an der Uni Göttingen studierte und dort auch Lehraufträge wahrnahm, war zudem als Sozialforscher und Bildungsarbeiter tätig.

Dr. Schäfer ist in Lippoldsberg aufgewachsen und lebt seit 27 Jahren in Bodenfelde. Er ist weiterhin aktiv im Sollingverein, im Schäferhaus-Museum Lippoldsberg und im Uslarer Museum.

Mit dem Buch, das man durchaus als sein Lebenswerk bezeichnen kann, versucht Schäfer Fragen zu beantworten, die er sich schon als Schüler gestellt hat. Er will vor allem auch junge Leute mit dem Werk ansprechen und hat es entsprechend anschaulich geschrieben. Porträts und Fallstudien machen es einfach, die Geschichte nachzuvollziehen.

Wichtig ist das Buch für Schäfer auch deshalb, weil seiner Meinung nach „heimatkundliche Schreibe politische Konflikte umschifft, gerne vor allem die Zeit des Dritten Reiches.“ Wolfgang Schäfer sieht sich als politischer Bildungsanwalt und Aufklärer.

Ursprünglich war zu dem Thema lediglich eine Broschüre geplant. Als dann aber Geld zusammenkam, begannen die beiden Autoren breiter zu recherchieren, untersuchten die Zeit von 1933 bis 1936, die Phase der Stabilisierung, die Situation der Jugend und die Rolle der Kirche. 2013 entstand zudem die Ausstellung „Bürgerkrieg im Wesertal“.

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