Autorin Inka Nisinbaum bewegt Zuhörer bei Auftritt auf Einladung der Stadtbücherei, als sie über das kranke Leben sprach, das man loslassen müsse.

Setzt sich ein: Inka Nisinbaum erzählte aus ihrem Buch und ihrem Leben mit Mukoviszidose, neuer Lunge und Leber. Das Bild im Hintergrund entstand wenige Tage nach der Transplantation im Januar 2003. Damals sei sie sogar zu schwach gewesen, um selbst zu atmen. Für die Lesung in Uslar wurde kein Eintritt erhoben, dafür aber um Spenden für die Christiane-Herzog-Stiftung gebeten. Foto: Porath

Inka Nisinbaum erzählte bei einem Vortrag im alten Uslarer Rathaus aus ihrem Buch und ihrem Leben mit Mukoviszidose, neuer Lunge und Leber. Sie sprach auch davon, wie es ihr nach der Transplantation im Januar 2003 ging. Damals sei sie sogar zu schwach gewesen, um selbst zu atmen.

Uslar. Als Baby hatte die Autorin Inka Nisinbaum eine Lebenserwartung von gerade einmal vier Jahren. Jetzt ist sie 37 Jahre alt, doppelt Lunge- und Leber transplantiert, Mutter eines Sohnes und lebt mit ihrem Mann in Dallas in Texas. In Uslar lauschten 50 Zuhörer ihrer Geschichte.

Es ist eine zarte Gestalt mit einem ansteckenden Lachen, die da im Gildesaal des Rathauses steht und ihre Geschichte erzählt. Die hat es in sich und beginnt mit einem Brief. Geschrieben hat ihn ihr Onkel, der zehn Tage vor ihrer Geburt an Lymphdrüsenkrebs verstarb. Darin riet er seiner Nichte, ihr Leben zu leben, jeden Tag. Der Onkel wusste nicht, welche Bedeutung sein Brief für Inka bekommen würde und für ihre gesunden Eltern, die schnell erfuhren, dass ihr Baby an Mukoviszidose leidet.

Nisinbaum hat den Brief an den Anfang ihres Buchs „Ich bin noch da“ gestellt, denn er hat sie ein Leben lang durch viele Höhen und Tiefen begleitet. Nicht nur das, sie hat ihrem verstorbenen Onkel fiktive Briefe zurück geschrieben. Etwa, wenn sie sich nach der Transplantation von Lungen und Leber im Dezember 2002 und einer Notoperation nach einem Darmverschluss Ende 2003 am Tiefpunkt angelangt fühlte, mit einem Körper, der von außen und innen „zerhackt, zerschnitten und zusammengetackert“ war.

Naturell und Sport halfen

Das kranke Leben loszulassen und ein gesundes Leben zu leben, wie sie selbst es ausdrückt, gelang der studierten Psychologin, weil sie ein positives Naturell hat. Bilder aus ihrer Kindheit und Jugend, die während des Vortrags an die Wand projiziert werden, zeigen ein fröhliches, gesund wirkendes Kind.

Auch der Sport hat seinen Anteil an ihrem Überleben. Mit zehn Jahren begann sie auf Druck des Vaters mit Lauftraining, um ihre Atmung zu trainieren und den Schleim aus den Lungen zu transportieren. Mitte 2010 kehrte das Vertrauen in den eigenen Körper zurück, als es Inka Nisinbaum gelang, in den USA einen zehn Kilometer-Matsch-Hindernislauf durchzuhalten und alle Hindernisse zu überwinden.

Gesundes Kind geboren

Als sie schließlich in Dallas nach vier Jahren Suche ein Ärzteteam fand, das ihr eine Schwangerschaft zutraute und sie schließlich schwanger wurde, war ihr Glück nahezu perfekt. Bis heute, so heißt es, sei Nisinbaum die einzige Lungen- und Lebertransplantierte, die ein gesundes Kind gebar. Söhnchen Noam kam 2013 nur wenige Tage vor dem errechneten Geburtstermin per Kaiserschnitt zur Welt.

„Auch wenn man schlechte Karten ausgehändigt bekommt, kann man viel erwarten, Träume wahr werden lassen und viel erleben“, lautet Inka Nisinbaums Botschaft, die sie an ihr Publikum und andere Transplantierte weitergibt.

Einer, dem sie damit sehr geholfen hat, die eigene Lungen- und Lebertransplantation zu überwinden, sitzt mit im Publikum. Ohne Inka, so sagt er, wäre er heute nicht hier. „Keine Ursache“ lautet die schlagfertige Antwort der Inka Nisinbaum, die auf Einladung der Stadtbücherei nach Uslar gekommen war. (zyp)

Hintergrund

Mukoviszidose ist eine Multiorgankrankheit, von der alle exokrinen Drüsen des Körpers wie zum Beispiel die Leber betroffen sind.

Die Krankheit wird über eine defekte Kopie des Gens CFTR vererbt. In Nisinbaums Fall waren beide Eltern Träger des defekten Gens ohne selbst erkrankt zu sein.

Eine Heilung gibt es für Mukoviszidose-Kranke bis heute nicht. Kommt es zur Transplantation, weil Leber oder Lunge versagen, müssen beide Organe transplantiert werden. Der Grund dafür liegt in den Immunsuppressiva, die Transplantierte ein Leben lang gegen die Abstoßungsreaktion einnehmen müssen.

Als Nisinbaum 2003 transplantiert wurde, hatte sie 15 Monate auf passende Organe gewartet. Heute liegt die Wartezeit bei vier Jahren. Nisinbaum ruft deshalb dazu auf, sich ganz bewusst für oder gegen einen Organspendeausweis zu entscheiden und dies in der Familie zu besprechen. (zyp)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.