Tag des Gedenkens an Opfer des Nationalsozialismus

Von Hirschhagen nach Auschwitz: Wegen einer Lüge meldeten sich viele freiwillig

Die Füllstelle im Sprengstoffwerk Hirschhagen: Hier wurden in den Kriegsjahren Bomben von Hand mit heißem Sprengstoff gefüllt. Um der gefährlichen Arbeit zu entkommen, meldeten sich 1944 viele Zwangsarbeiterinnen für den Transport in ein anderes Werk, wo sie angeblich leichtere Arbeit verrichten sollten. Doch alle kamen in die Gaskammern von Auschwitz. Archivfoto: Stadt Hessisch Lichtenau

Hirschhagen / Auschwitz. Im Oktober 1944 wurden 206 jüdische Zwangsarbeiterinnen der Munitionsfabrik Hirschhagen nach Auschwitz deportiert, weil sie zu schwach oder krank waren.

„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit.“ Die Inschrift eines Denkmals im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau versucht, das Unfassbare in Worte zu kleiden. Hier ermordeten die Nazis bis 1945 zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen - die meisten davon Juden.

Mahnung an die Menschheit: Jürgen Jessen zündete in Auschwitz Kerzen für Opfer des Rassenwahns an. Hier wurden auch Arbeiterinnen aus Hirschhagen vergast. Foto: Jessen/nh

Darunter waren auch 206 Frauen aus der Sprengstofffabrik Hirschhagen, die am 27. Oktober 1944 deportiert wurden. Besonders furchtbar: Viele hatten sich freiwillig für ihren Transport in den Tod gemeldet. Denn die Lagerleitung hatte sie belogen. Sie hatte den Frauen gesagt, alle Schwachen und Kranken könnten in einem anderen Lager, einer Kartonplatten-Fabrik, leichtere Arbeit verrichten. Mütter und Töchter glaubten daran, der gefährlichen und auszehrenden Arbeit in der Munitionsfabrik entkommen zu können, wo sie mit bloßen Händen den heißen Sprengstoff in die Bomben füllen mussten. Statt dessen warteten bereits die Gaskammern auf sie.

Das Schicksal dieser Frauen bewegt Jürgen Jessen bis heute. Der 76-Jährige aus Hessisch Lichtenau engagiert sich seit vielen Jahren gegen das Vergessen der Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. Er war Initiator der Geschichtswerkstatt, organisiert Zeitzeugentreffen und Besucherführungen über das Gelände der Sprengstofffabrik und hat kürzlich den Ort des Grauens in der Nähe von Krakau besucht: Auschwitz.

Dort zündete er mit seiner Frau Dietlinde und Tochter Birgit Kerzen für die Opfer an. „Das Wiedersehen mit dem oft von überlebenden Zeitzeuginnen geschilderten Ort war überwältigend“, sagt Jessen. „Hier wurden sie von Familie und Freunden getrennt, die sie nie wiedersahen.“ Unfassbar sei die Konfrontation mit der Vernichtungsmaschinerie gewesen, mit den gesammelten Kleidungsstücken und den Bündeln abgeschnittener Frauenhaare, die auf ihre industrielle Verwertung warteten. Das Lager wurde vor 71 Jahren, am 27. Januar 1945, von der sowjetischen Armee befreit. Seitdem ist es weltweit zum Symbol für Terror, Völkermord und Holocaust geworden.

Auch in Hirschhagen soll es bald einen Ort des Gedenkens an die ermordeten Jüdinnen geben. Im März wird gemeinsam mit der Stadt eine Stele eingeweiht. Sie wird aus Holz gefertigt und hat im Inneren einen Drahtkäfig, der 206 Kieselsteine beherbergt - einen Stein für jede Tote. Die Idee dazu entstand vor einem Jahr, als die Stadt Hessisch Lichtenau und die evangelische Kirchengemeinde zum 70. Jahrestag der Selektion und Deportation zu einem Gottesdienst in die Stadtkirche einluden.

Die SS Hatte es auf die Kranken abgesehen

Überlebende erinnerten sich später an das perfide Täuschungsmanöver, das vielen Jüdinnen 1944 den Tod brachte. Die kürzlich verstorbene Judith Magyar Isaacson schreibt in ihren Erinnerungen: „Während eines Nachmittags-Appells zog der Kommandant einen Zettel aus der Tasche. Er sagte: ‚Ich habe eine wichtige Ankündigung zu machen (...) Eine Nachricht vom Stab. In einem Lager in der Nähe werde 200 Häftlinge gebraucht. Für leichtere Arbeiten. Alle über 35 und Invaliden können sich freiwillig melden.‘ Und drohend fügte er hinzu: Keine Simulanten!‘“

Die Finte der Lagerleitung, die der eigentlichen Selektion vorausging, hatte Erfolg. Denn zu dieser Zeit zeigten bereits alle Frauen Spuren der Erschöpfung und des Hungers. So zitiert Gregor Espelage in seiner wissenschaftlichen Abhandlung „Friedland bei Hessisch Lichtenau“ die Zeitzeugin Gertrud Daek. Die SS hatte es aber nicht nur auf die Kranken und Schwachen abgesehen, heißt es weiter. Das „Plansoll“ lautete: 200 Häftlinge. Terezia Farkas B. schildert den Fall einer Mutter mit vier Töchtern, von denen eine erkrankt war. Weil alle zusammenbleiben wollten, meldeten sie sich geschlossen zum Transport - und kehrten nie wieder zurück.

Schon vorher machten im Lager Gerüchte die Runde, dass der Transport nach Auschwitz gehe. Die Lagerärztin und die Lagerälteste sollen einige Häftlinge gewarnt haben, sich nicht auf die Liste setzen zu lassen.

Zur eigentlichen Selektion mussten sich die Jüdinnen auf dem Appellplatz aufstellen. Da bis zur Zahl des Transporters, also 200 Frauen, noch einige fehlten, suchte der Lagerkommandant die restlichen aus. Keine der überlebenden Arbeiterinnen soll je eine der Deportierten wiedergesehen haben, schreibt Espelage. (kbr)

Quelle: Gregor Espelage: „Friedland“ bei Hessisch Lichtenau, Band 2, 1994 bei Stadt Hessisch Lichtenau

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