Ausreise über Ungarn 

Wie Weltrekordler Jürgen May aus der DDR flüchtete

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Dokument aus Glanzzeiten: Jürgen May bei einem Mittelstreckenlauf in den 60er Jahren. Er war 25-facher deutscher Meister, Europa- und Weltrekordler. 

Bad Sooden-Allendorf. In den 1960er Jahren trieb die Bespitzelung der Stasi den damals erfolgreichen Mittelstrecken-Läufer Jürgen May zur Flucht in den Westen.

An der ungarisch-österreichischen Grenze klopfen Polizisten den Cadillac nach Hohlräumen ab. Doch der damals 24-jährige Jürgen May aus dem thüringischen Nordhausen bleibt in seinem Versteck im präparierten Luxusfahrzeug unentdeckt. Das war im Juni 1967. Wieder einmal verlor die DDR einen ihrer Spitzensportler - May weinte dem SED-Staat keine Träne nach. „Ich bin total überwacht worden“, sagte May am Sonntag bei einer Veranstaltung zum 27. Jahrestag des Mauerfalls. Dazu hatte das Grenzmuseum Schifflersgrund ins Alte Kurhaus eingeladen.

Die Bespitzelung und Gängelung durch Funktionäre war einer der Gründe für seine Flucht, dahinter steht die generelle Kritik an der DDR: „Der Spitzensport wurde total einseitig gefördert. Der Breitensport hatte keine Chance“, sagte May am Rande der Veranstaltung. Die Rekorde hätten dazu gedient, das internationale Renommee des Landes zu verbessern. 

Wimpel zur Erinnerung an ein Freundschaftsspiel: DDR-Weltrekordler Jürgen May (Mitte), stellvertretender Museumschef Stefan Heuckeroth-Hartmann (links) und Sportkreisvorsitzender Siegfried Finkhäuser. 

Generell sei der Sport von der Politik instrumentalisiert worden - die Sportler im Westen seien als Feinde betrachtet worden. Sportliche Leistung allein habe nicht gereicht, man musste auf Parteilinie sein. Jürgen May galt seinerzeit als einer der besten Mittelsteckenläufer der Welt. Doch der Stasi war er ein Dorn im Auge: Sein Bruder war bereits in den Westen geflohen, er selbst konnte als Sportkader in viele Länder der Erde reisen. Im Sommer 1966 forderte ihn DDR-Sportbundchef Manfred Ewald auf, aus gesundheitlichen Gründen zurückzutreten, dann würde ihn die Stasi in Ruhe lassen. May lehnte ab. Aus der DDR-Presse erfährt er von einem lebenslangen Sportverbot. Es seien Intrigen gegen ihn in Gang gesetzt, um ihn auszuschalten: „Ich galt als Fluchtrisiko,“ Die Flucht über Ungarn kam über Helfer zustande. In Budapest saß er zehn Tage wie auf heißen Kohlen, ehe die Aktion gestartet wurde. Die Helfer wollten sichergehen, dass er nicht beobachtet würde.

Nach der Ausschleusung in die Bundesrepublik wurden seine Rekorde von der DDR in den Weltranglisten korrigiert, der Titel Sportler des Jahres wurde aberkannt und ging auf den Zweitplatzierten Fußballer Peter Ducke über.

Der jetzt 74-jährige May fasste im Westen schnell Fuß - er wurde Dezernent im Main-Kinzig-Kreis und lebt heute als Pensionär bei Hanau. Regelmäßig besucht er seine Heimatstadt Nordhausen - „ich habe keine Berührungsängste“. Sportkreisvorsitzender Siegfried Finkhäuser erinnerte bei der Veranstaltung an die erste Begegnung nach dem Fall der Grenze: Im Januar 1990 gab es ein Freundschaftsspiel zwischen der SG Solidor (Heiligenstadt) und dem Rot-Weiß Hundelshausen. Bei den Nationalhymnen lief es wohl allen kalt über den Rücken. Die Wimpel von damals sind jetzt Erinnerungsstücke im Grenzmuseum, stellvertretender Leiter Stefan Heuckeroth-Hartmann nahm sie dankbar entgegen.

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