"Damit wollte er flüchten?"

Flucht Marke Eigenbau: DDR-Zeitzeuge Michael Schlosser zeigte Schülern sein Flugzeug

Mit selbst gebautem Flieger auf dem Schulhof: Michael Schlosser schilderte nicht nur der Klasse 10d der Johannisberg-Schule, weshalb und wie er 1983 mit einem heimlich gebauten Leichtflugzeug aus der DDR flüchten wollte und was dann passierte. Fotos: Forbert

Witzenhausen. Schon etwas ehrfürchtig betrachteten die Schüler der Johannisberg-Schule das Gerät, das auf ihrem Schulhof stand.

"Mit diesem selbst gebauten Leichtflugzeug wollte Michael Schlosser 1983 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland flüchten?", fragten sich die Schüler.

Schlosser baute seinen „Dresdner Ikarus“ am Donnerstagvormittag vor der Schule auf. Er folgte einer Einladung der Klasse 10d, die für ihr Geschichts-Buchprojekt „Zwei Welten - eine Grenze“ schon mehrere Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR interviewt hat.

Schlosser, der am Morgen um 6 Uhr in Dresden mit dem zerlegten Flugzeug auf dem Anhänger gen Witzenhausen gestartet war, gibt auf jede Frage bereitwillig Antwort. Der 70-Jährige erläutert, wie er zwei Jahre für den Bau des Flugzeugs in einem extra dafür errichteten Hühnerstall benötigte, dass der Testflug schon erfolgreich verlaufen war und wie er nach seiner Verhaftung Ende Oktober 1983 kurz vor der Flucht durch die Staatssicherheit verhört und viereinhalb Monate in U-Haft saß, bevor er zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und Ende 1984 von der Bundesrepublik freigekauft wurde.

Es sei ihm in der DDR schon gut gegangen, aber er habe nicht alles machen können, was er wollte, nennt Schlosser als Motiv für seinen Fluchtwunsch. „Das hätte mich auch gestört“, pflichtet Pascal Schnitzer (15) bei und ergänzt mit Überzeugung: „Ich wäre definitiv auch geflohen.“

Das sagen auch etliche seiner Mitschüler: Irgendwie hätten sie es versucht. Aber nicht mit einem solchen Flugzeug, wie Lisa Schäfer (15) sagt. Sie hat Hochachtung vor der Idee, einen Hühnerstall als Werkstattversteck zu bauen. Und Lena Morawek (15) gibt zu, sie hätte Angst gehabt, erwischt zu werden oder dass das Flugzeug nicht fliegt.

„Das wäre mir auch passiert“

Saradin Bennecke (16) ist beeindruckt vom Durchhaltevermögen, zwei Jahre lang die Bauteile nach und nach unauffällig zu schmuggeln. Die Schülerin kann sich in die Lage Schlossers versetzen, der nicht zuletzt wegen eines Indiz’ aufflog: „Dass er in seinem Hühnerstall keine Hühner hielt, wäre mir auch passiert - wegen der Angst.“

Jonas Brüssau (16) erkennt mit Hochachtung den starken Drang Schlossers, in den Westen zu kommen und welche Methoden den Menschen zum Fliehen einfielen. Da entwickele man Kräfte, erfahren die Zehntklässler von dem Dresdener, die man von sich gar nicht kennt.

Dass Schlosser das den Schülern direkt erzählt, finden alle gut. „Man kann sich die Geschichte und die persönliche Situation Schlossers besser klar machen, wenn er hier ist und es erzählt“, formuliert es Jonas Brüssau.

Mit einem prall gefüllten Geschenkkorb dankte die Klasse dem Zeitzeugen, ihnen hautnah Geschichte vermittelt zu haben.

Hintergrund:

Kollegen verrieten den Flugzeugbau 

Michael Schlosser, 1944 in Triptis in Thüringen geboren, lernte Kraftfahrzeug-Schlosser und wollte später Pilot werden, was ihm aber verwehrt wurde, weil er nicht systemkonform genug war und nicht in die SED eintreten wollte. Ab 1976 war er Fuhrparkleiter beim DDR-Fernsehen im Studio Dresden.

Die Idee, mit einem Flugzeug die innerdeutsche Grenze zu überwinden, hatte er wegen seines bei der DDR-Luftwaffe erhaltenen Wissens, dass Luftziele abgedrängt werden sollten, das Schießen darauf aber untersagt war.

Zum Entwickeln und Bauen des Leichtflugzeugs, das er Ikarus nannte, brauchte er zwei Jahre, weil er die Teile auch nach und nach „besorgen“ musste, ohne dass es auffiel. Spitzel der Staatssicherheit verrieten ihn. Wer das war, erfuhr er erst später: Es waren zwei Kollegen, denen er sogar die Autos repariert hatte.

Er wurde zu vier Jahren und sechs Monaten wegen „Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall“ verurteilt. Nach 13 Monaten Haft wurde er von der Bundesrepublik freigekauft, kam am 5. Dezember 1984 in den Westen.

Heute engagiert sich Michael Schlosser als Zeitzeuge und Referent unter anderem in der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden.

Von Stefan Forbert

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